Direkt zum Hauptbereich

Die Gemeinde der Zukunft (3) hat kein Gemeindehaus


Gemeindehäuser und Kirchbauten sind keine Erfindungen des Neuen Testaments, sondern des römischen Reiches. Als Konstantin, römischer Kaiser seines Zeichens, das Christentum im 4. Jahrhundert erst tolerierte und später zur Staatsreligion erklärte, tat er dies mit typisch römischem Religionsverständnis: Es war Aufgabe der Götter, sich um das Wohl des Reiches zu kümmern und es war Aufgabe der Priester, das Wohl der Götter sicherzustellen. Die Göttertempel Roms waren also alles andere als religiöse Nebensache, sondern erfüllten einen poltisch-militärisch-wirtschaftlich extrem wichtigen Staatsauftrag. Als Konstantin zur Einsicht kam, dass der Gott der Christen stärker sein muss als alle römischen Götter zusammen, handelte er mit logischer Konsequenz und händigte in einem längeren Prozess sämtliche heidnischen Tempel an die Bischöfe der Christen aus. Fortan sollten sie ihren Gott dort so manipulieren, dass er Rom wohlgesonnen war. Die heidnischen Tempel wurden christianisiert, die Idee des Kirchbaus war geboren.

Jenes Kichengebäude wurde im Laufe der Jahrhunderte verfeinert und hat phantastische architektonische Meisterleistungen hervorgebracht. Als nachreformatorische Erneuerungs- und Erweckungsbewegungen reich genug wurden, leisteten sie sich ihre eigenen Versionen und bauten eher pragmatisch angelegte Gemeindehäuser als eine Art Mutation gewöhnlicher Kirchen und Kathedralen.

In heutigen Zeiten, wo auf westlichem Boden die Institutionen im Allgemeinen zerbröseln, zerfällt auch Konstantins Kirche-Staat-Ehe mehr oder weniger zu Staub. Und damit wird Kirche, wie die meisten sie kennen, obsolet. So manche Glaubensbewegung wirkt dem zwar durch Übernahme von Kirchen und Neubauten und Gemeindehäusern entgegen, kann die großen Trends damit langfristig aber auch nicht aufhalten.

Was viele beunruhigt, sollte uns eigentlich dankbar werden lassen. Denn jener Trend bringt uns wirklich näher zurück zur Bibel. Das Neue Testament ist nämlich recht eindeutig: Hier gibt es weder Tempel noch Synagoge noch Gemeindehaus - der einzige Tempel des NTs ist Jesus selbst, und seine Jünger sind die Steine. Gemeinschaft ist's - Gemeinschaft mit Jesus, Gemeinschaft miteinander und Gemeinschaft auf gemeinsamer Mission. So buchstabiert die Bibel Kirche.

Aber man muss doch einen Platz haben, um sich zu treffen, um anzubeten, gell? Klar braucht man das, und uns steht ein ganzer Globus zur Verfügung. Wir können uns treffen, wo wir wollen. Unter Brücken, auf Bergen, hinter jedem Busch. Ein Klassiker des NTs ist aber zu Hause, weil da das wahre Leben stattfindet. Oikos ist der Platz, wo Jesus bei Zachäus in Lukas 15 einziehen will: Daheim, da, wo wir sind, wie wir wirklich sind. In Ehe und Familie tragen wir keine Masken, deswegen ist Jesus dort nötiger als anderswo. Oikos ist übrigens auch der Platz, wo sich viele Gemeinden in muslimischen Ländern heimlich treffen.

Und wenn man sich erinnert, dass es im "Hause Gottes viele Wohnungen für uns gibt" (Joh 14,2)* dann lädt uns sogar der Allmächtige selbst in seine intimste Wohnstatt ein. Was da wohl alles so zu erwarten ist. So gesehen ist die Gemeinde der Zukunft nicht nur auf dem Zeitstrahl der Geschichte, sondern auch im Alltag viel näher am Himmel als diese römischen Traditionen von vorgestern...


________
* Johannes 14,2 verwendet die ähnliche griechische Abwandlung oikia (ἡ οἰκία) und nicht oikos (ὁ οἶκος). Oikos scheint ein breiteres Spektrum an Bedeutungen zu haben, oikia betont meines Wissens mehr den privaten, fast schon intimen Charakters des zu-Hause-Seins.


Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Was weder Nachricht noch Notiz wert ist

Europäer sehen's schwitzend
Auf dem weichen Sofa sitzend
Haben keine Lust zu teilen

So dichtete ich am ersten Januar in meinem Rap zur Jahreslosung. Auf den Tag zwei Monate später wünschte ich, es wäre wirklich alles nur erdichtet gewesen. In Anbetracht der Lage und des eigenmächtigen Vorpreschens einiger europäischer Länder ("8 ganze Flüchtlinge pro Tag in die Stadt lassen beweist genug, welch gutherzige Katholiken wir sind!") wurden die Sofaschweißflecken sogar prophetisch. Und wer weiß, wohin das noch führen wird.

Während viele Europäer damit beschäftigt sind, den Braten auf dem Tisch zu schützen, spielen sich woanders Geschichten ab, die sich in keinen Zeitungen oder Nachrichtenforen finden: Der innere Kampf vieler Menschen mit Glaubensfragen. Doch solche Angelegenheiten werden in westlichen Medien als uninteressant und nichtig betrachtet. Entsprechend hört man nichts darüber. Doch IS & Co. treiben Muslime mit extrem viel Energie direkt in die offenen Arme des Chri…

Die Lehre der Leere (16): Viel Feind, wenig Ehr

Dass viele unserer Hoffnungen und Vorstellungen, mit denen wir 2006 ausgezogen waren, nicht erfüllt werden würden, wurde schon lange vor der Veröffentlichung des obigen Videos klar. Wir hatten geträumt. Geträumt von vielen interessanten und kreativen Ideen, einem wirklich missionalen Lebenswandel und einer daraus erwachsenden neuen, interessanten, kreativen und missionalen Gemeinde, die hoffentlich ein Katalysator für viele weitere kreative Neugründungen im neuen 21. Jahrundert sein wird. Unsere Aussendung war gewaltig und feierlich, voller Musik, Freude und Party. Nach so vielen Dingen und all den kleinen Wundern, die Gott vor aller Augen getan hatte, um all das überhaupt möglich zu machen, waren die Erwartungen hoch: Gott zog schließlich mit uns, das war allen klar. Manche sprachen von zu erwartenden Erweckungen in ganz Skandinavien.

Im Gastland angekommen, öffnete Gott noch mehr unerwartete Türen, hieß uns durch hiesige Gemeinde- und Missionsleiter herzlichst willkommen, knüpfte w…

10 Dinge, die's vor 10 Jahren noch nicht gab (und warum das so wichtig für Gemeinden ist)

Herzlich willkommen im Jahre 2017! 

Ich hoffe, Ihr seid gesund herübergekommen und habt allen Grund, zuversichtlich in die Zukunft zu sehen.

Als wir vor 10 Jahren das erste Mal Silvester in Schweden feierten, hatten wir gerade erst damit angefangen, Ansätze und Ideen für die Gemeinde der Zukunft zu entwickeln. Aus einem kleinen, bayerischen Dorf kommend kam es uns damals grad so vor, als seien wir selber direkt in die Zukunft gezogen.

Doch heute möchte ich Euch 10 Dinge vorstellen, die es vor zehn Jahren noch gar nicht gab - bzw. von denen zu Silvester 2006 noch keine Rede war. Wenn Ihr die Liste seht, werdet Ihr manchmal denken: ”Echt jetzt?! Das gab’s da noch nicht?!” In der Tat, es ist schwer zu glauben. So sehr haben wir uns heute an so manches gewöhnt.

Legen wir los:

Nummer 1: YouTube

Streng genommen wurde YouTube schon 2005 gegründet, aber vor 2007 hat’s in unserem Teil der Welt kaum jemand beachtet. Heute ist eine Welt ohne das Videoportal undenkbar: Rezepte, Trailer, Urlaubsfi…