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Die Lehre der Leere (16): Viel Feind, wenig Ehr

Dass viele unserer Hoffnungen und Vorstellungen, mit denen wir 2006 ausgezogen waren, nicht erfüllt werden würden, wurde schon lange vor der Veröffentlichung des obigen Videos klar. Wir hatten geträumt. Geträumt von vielen interessanten und kreativen Ideen, einem wirklich missionalen Lebenswandel und einer daraus erwachsenden neuen, interessanten, kreativen und missionalen Gemeinde, die hoffentlich ein Katalysator für viele weitere kreative Neugründungen im neuen 21. Jahrundert sein wird. Unsere Aussendung war gewaltig und feierlich, voller Musik, Freude und Party. Nach so vielen Dingen und all den kleinen Wundern, die Gott vor aller Augen getan hatte, um all das überhaupt möglich zu machen, waren die Erwartungen hoch: Gott zog schließlich mit uns, das war allen klar. Manche sprachen von zu erwartenden Erweckungen in ganz Skandinavien.

Im Gastland angekommen, öffnete Gott noch mehr unerwartete Türen, hieß uns durch hiesige Gemeinde- und Missionsleiter herzlichst willkommen, knüpfte w…
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Die Lehre der Leere (15): Der Feierabend

Wenn der Herrjott ruft, dann ist Sense, wenn der Herrjott ruft zur Himmelfahrt, dann geht jeder auf seine Art” sang die Kölner Gruppe ”Die Höhner” über den Feierabend des Lebens. Dem Uhrmacher schlägt das letzte Stündchen, die Putzfrau wird wieder zu Staub, der Koch gibt den Löffel ab.

Und der Manager findet die ewige Ruhe. Denn Manager haben bis zu diesem Augenblick eigentlich nie Feierabend.

Pastoren und besonders Gemeindegründer auch nicht. Es gibt immer noch etwas mehr zu tun, doch am Ende des Tages sieht man nie wirkich das getane Tagewerk.

Während meine Seele also weiter durch die Leere fiel, füllte sich mein Moleskine mit Beschreibungen der Bilder, die ich in weiter, weiter Entfernung flimmern sah. Die unzähligen Tage mit noch einer Stunde mehr am abendlichen Schreibtisch, „schnell“ noch vor dem Einschlafen E-Mails lesen, viel Abwesenheit von daheim, körperliche Abwesenheit doch vor allem, viel schlimmer noch, die geistige bei körperlicher Anwesenheit. Ich sah plötzlich auc…

Die Lehre der Leere (14): Rechtgläubigkeit

Sola scriptura, sola fide, sola gratia - so brachte Dr. Luther es uns vor nunmehr 500 Jahren bei: allein die Schrift, allein durch Glaube, allein durch Gnade. Die Lehren Luthers sind ein unübersehbarer Berg in der Landschaft der Theologie und Geschichte. Gewiss, zu manchen Zeiten hat man sich in manchen Teilen Europas alternative Berge gebaut, zum Beispiel zur französischen Revolution, weshalb Inspektor Javert, ein wahrer Vertreter der französischen Regierung des frühen 19. Jahrhunderts, nur wenig von sola gratia versteht:

Honest work, just reward
that's the way to please the Lord
- ehrliche Arbeit, ehrlicher Lohn, nur so gefällt man dem Herrn.

Doch wieviel verstanden wir Gnadenexperten wirklich von der Gnade?

Wie oft betrachteten wir den Reformationsberg nur aus der Ferne während wir selbst auf ganz anderen Hügeln wanderten?

Solche Fragen musste ich mir immer wieder stellen. Und landete im schmerzhaften Gefühl, dass so mancher Christ Javert ähnlicher ist als unserem Herrn Jesus. De…

Die Lehre der Leere (13): Big Business

Nicht die Kirche Gottes hat eine Mission, sondern die Mission Gottes hat eine Kirche. Ich fand dieses Zitat schon immer treffend. Man muss es mehrmals lesen, auf der Zunge zergehen lassen. Glückwunsch an jenen gesegneten Geist, der es formuliert hat.

Mission heißt, Gott sein Ding machen lassen. Wie die zwölf Jünger dackeln wir unserem Meister hinterher, haben keine Ahnung, wo er als nächstes hingeht. Wir erleben Wunder und Leid, verstehen ihn nicht immer, lehren mit ihm und lernen doch selbst am meisten. Das Hinterherdackeln ist alles andere als gemütlich, doch ist es das, was dem Wort Leben am nächsten kommt.

Das war es, was ich immer wollte: Leben. In seinem vollen dynamischen Umfang.

Dazu gehörte wohl auch, dass Gott mir einen großen dynamischen Umfang seiner Gemeinde auf der Welt gezeigt hatte. Treue Einzelkämpfer. Tanzende Gospelchurches. Geschlechtergetrennte Gemeinden. Oder Gleitzeitgottesdienste in Megachurches, wo man vor allem Sahneeis schleckenderweise zur Kernzeit Predigt

Die Lehre der Leere (12): Seelenreise

Es ist so leicht, Leere zu verdrängen, sich abzulenken, Buntes an der Oberfläche anzusammeln, das letzlich doch nur die Poren verstopft, nie eindringt dringt und das Innere füllt. Mir war manchmal, als schwebte die Seele wie ein Raumschiff im Vakuum. Mit diesem Erlebnis konfrontiert fragte ich mich, wie vielen Seelen um mich herum es ähnlich ergehen musste, all die angeblich zwölf Gramm leichten Schiffe, die führerlos durch den inneren Raum ihrer Besitzer schweben, weil die Bombardierung der Schale durch Lautes und Grelles, durch farbige Nebelbomben jede Orientierung unmöglich machen.

Und ich musste mich fragen, warum es mir selbst so erging. Was hatte mich, der nie ein oberflächlicher Mensch sein wollte, dorthin gebracht?

Schreibend diese Fragen stellend, nahm behutsam jemand meine Hand.

Wie groß die Gnade Gottes ist

Vorgestern zitterten wir mit Freunden, deren Haus mitten im Kurs des Hurrikans Irma lag. Dank CNN's Livestream habe ich zum ersten Mal den Durchzug eines Hurrikans "miterlebt", die Böen, die Duschen, das windstille und wolkenfreie Auge, das Chaos auf der anderen Seite des Auges, wenn der Wind plötzlich in die andere Richtung geht und alles, was vorher nach links gedrückt, nun nach rechts geknickt wird und oft genug damit endgültig bricht. Bis zu diesem Augenblick weiß ich noch nichts über Schäden und Verluste, die meine Freunde zu beklagen haben.

Doch wenn man sich überlegt, dass ein Hurrikan nur über dem Meer bei einer Wassertemperatur von mindestens 26,5°C entstehen kann und wenn man darüber nachdenkt, dass die Ozeane dank menschlich verursachter Umweltverschmutzung in den vergangenen 100 Jahren um 0,7°C wärmer geworden sind, wenn man obendrein noch in Erwägung zieht dass in Asien tausende von Menschen durch den dieses Jahr außergewöhnlich urgewaltigen Monsun ums Lebe…

Die Lehre der Leere (11): Moleskine

In den folgenden Wochen merkte mir vermutlich kaum jemand an, dass sich völlige Leere in mir ausgebreitet hatte. Mein 50. Geburtstag, Silberhochzeit, andere Events, alles war mir scheißegal. Entsprechend gab es auch keine Feiern - vielleicht zur Enttäuschung oder zumindest Verwunderung mancher Freunde. Ging mein Handy, hob ich nicht ab. Aufgesprochene Nachrichten blieben ungehört, bis die Telefongesellschaft sie nach zwei Wochen wieder automatisch löschte. Sms las ich erst nach Tagen, wenn überhaupt, Mails gar nicht. Stattdessen besorgte ich mir ein zweites Handy. PrePaid mit geheimer Nummer.

Mein Inneres war gefühllose Kälte. Das heißt, ab und zu gab es Gefühle: Angst oder Nervosität. So, als hätte man zwei Kannen Kaffee zu viel getrunken. Oder als sollte man morgen standesrechtlich erschossen werden. Doch ich wich nicht aus, sondern akzeptierte es. So hatte ich es schließlich beschlossen.

Das einzig Lebendige war der Wunsch, manche Gedanken aufzuschreiben, die mich ab und zu durch…

Die Lehre der Leere (10): Große Fragen

Gefühllos im Nebel treiben, nicht wissen ob, wann, wie man aufprallt, war ungemütlich. Hoffentlich war Gott wirklich da.

Warum war es überhaupt zu jener Leere gekommen, der ich mich nun stellte? Das war die große Frage der Stunde. Ich nahm mir Zeit, in die Leere zu horchen.

Hörte die vergessene Stimme eines Zeltevangelisten. Vor vielen Jahren predigte er im Süden Bayerns: "Die Antworten auf die großen Fragen des Lebens sind ganz einfach!". Er wollte den Hörern Jesus nahebringen, die ultimative Antwort auf jede Frage.

War das Leben wirklich so simpel?

In freikirchlichen Kreisen wohl schon. Freikirchler, zumindest meine Generation, hatten eine Tendenz zu einfachen Schablonen. Blieb man unter sich, war das kein Problem. Ging man aber "in die Welt", außerhalb frommer Kreise, wurde immer schnell die Spannung deutlich. Vielleicht taten sich Christen deswegen immer so schwer mit Mission.

Freikirchliche Mission war meine Sendung geworden. Ein Jahrzehnt hatte ich bewusst a…

Die Lehre der Leere (9): Der Entschluss

Das Bauchgefühl war mittlerweise länger als eine ganze Woche weg. So auch meine Motivation: In den Keller gegangen. Vielleicht zum Bier holen, aber vermutlich trank sie es alle selbst, lag besoffen in der Ecke, denn sie wollte nicht wieder hochkommen. Ebenso meine Lebensfreude. Sie musste auf einen längeren, lustigen Urlaub verreist sein, ohne auch nur daran zu denken, mich mitzunehmen.

Als guter Christ versuchte ich natürlich, es mit der Fassung eines reifen Mannes zu nehmen, mir von alledem auf keinen Fall etwas anmerken zu lassen. Natürlich. Das erwartet man von einem Mann in meiner Position.

Eine Sache war allerdings neu. Jener Satz wollte nicht mehr von mir ablassen, seit ich ihn gelesen hatte:

Wage die Konfrontation mit der Leere.
Leere.

Leere. Das Gegenteil von Fülle.

Es traf den Nagel einfach auf den Kopf. Leere klingt schon so hohl und langweilig mit seinen drei Es. Etwas, dass es um jeden Preis zu vermeiden gilt. Läuft nicht die ganze Welt der Leere davon? Säuft man sich…

Die Lehre der Leere (8): Der Shutdown

Knapp drei Wochen nachdem ich das Geschenk des Chefs erhalten hatte, stand der gelbrote Karton immer noch ungeöffnet auf der Küchenbank, während ich nebenan den letzten Blogpost vor der Sommerpause schrieb und mich auf gute zwei Wochen Nichtstun, Schlafen, Lesen, Filme sehen freute. Die Pause war überfällig und nötig. Nach wenigen Tagen Ausspannen würden - wie auch sonst immer - neue Ideen wieder keimen, die kreativen Säfte zurückkehren.

Doch nicht in diesem Juli.

Ohne, dass ich je den Befehl dazu gegeben hätte, ging mein Körper auf Abschaltautomatik. Jeden Tag schien irgendein neues System herunterzufahren. Dinge, von denen ich gar nicht wusste, dass sie existieren, weil sie seit Kindertagen zuverlässig funktionierten. Manches schätzt man erst, nachdem es weg, aus, vorbei ist.

Wie zum Beispiel mein Bauchgefühl. Es war weg. Abgeschaltet, weggelaufen, verstorben, wie sollte ich denn wissen, wo es jetzt war?! Ich wusste nur, dass plötzlich nicht mehr da war, was mich fünf Jahrzehnte zu…

Die Lehre der Leere (7): Die Mitte

Das Problem sitzt immer in der Mitte.

Von welcher Seite man auch kommt, man muss sich immer zum Kern vorarbeiten. Die tiefen Probleme des Lebens sind Schätzen nicht unähnlich, auch sie muss man suchen, finden, ausgraben; dummerweise geben Probleme keine Karten heraus, die dem Suchenden den Weg weisen, denn im Gegensatz zu Schätzen wollen Probleme nicht gefunden werden, sie wollen sich heimlich einnisten, unerkannt infiltrieren.

Und wir Menschen machen ihnen leichtes Spiel. Wir geben den Problemen der Seele alle Deckung, die sie brauchen, wir tarnen sie so geschickt, dass niemand merkt, einschließlich uns selbst, wie wir ihnen liebevoll das Gesicht einrußen, hübsche Zweige anheften, ihnen Gruben bauen, die sie wie Schützengräben verschanzen. Ganz tief. Im Zentrum der Seele. Mitten in der Tabuzone. Da, wo Bewusstwerden verboten ist. Schließlich tanzen wir im wahren Leben immer nur an der Oberfläche. Wir lassen niemanden die Mitte sehen.

Doch was ich hier in den Händen hielt, war ein …

Die Leere der Lehre (6): Der Dickkopf

Waren es die letzten Worte?

Verharre in Sturköpfigkeit. Gib nicht auf.

Oft sind es ja die die letzten Worte großer Menschen und kleiner Geister, die magisch in den grauen Zellen haften.

Wie auch in der gewöhnlichen Sonntagspredigt. Man erinnert sich, wenn überhaupt, immer nur an den albernen Witz am Anfang und die allerletzte Zeile, meist "Lasset uns beten".
Oder "Wir singen jetzt Lied 259".
Oder "Es ist nicht einfach, aber wir sollten es tun", wie der Pastor der allerersten freien Gemeinde, in der ich je aktiv war, nicht nur ausnahmslos jede seiner dreizehn Predigten, die ich an Seite meiner knackigen frisch Angetrauten dort verfolgte, sondern auch sämtliche dreizehn Bibelstunden an den Mittwochabenden dazwischen abzuschließen pflegte. Jener Pastor war ergebener Jünger des Bob Jones, einem uns bis dahin unbekannten amerikanischen Guru, und wir waren uns nie so ganz sicher, ob nun Jesus oder Bob wichtiger für Glaube und Gemeinde war, jedenfalls wusste Bo…

Die Lehre der Leere (5): Der Schatz

War es Zufall oder war es Führung, dass sich die rund achtzig Seiten Papier auf Seite zehn öffneten und ich ausgerechnet dort zu lesen begann:

Wage Widerspruch zu bejahen. 
Wage unter Spannung zu leben.
Wage die Konfrontation mit der Leere.
Wage auf Granit zu beißen.
Verharre in Sturköpfigkeit. Gib nicht auf. 
Ich spürte es in meinem Geist.

Ich spürte es in meinem Körper.

Mit jenen Worten schien jemand auf die berüchtigte Fernbedienung des Films "Click" gedrückt zu haben, so fühlte es sich an. Die Zeit um mich herum schien plötzlich still zu stehen. Absolut still. In mir ging sie wohl gefühlt weiter, obwohl auch ich erstarrt, wie leblos da gesessen haben muss. Was war es nur, das mein Inneres gefrieren ließ, als wäre meine Haut mit einem Mal nicht mehr als eine ausgestopfte Hülle, ausgestopft nicht mit Watte (oder was auch immer Tierpräparatoren für ihre Kunst verwenden), sondern mit altem, kaltem, pappigem Schnee? Alter Schnee?! War der Schnee schon immer da gewesen? Wurde er m…

Die Lehre der Leere (4): Die Katholikin

Natürlich hatte ich nicht die Geringste Ahnung, was von dem Büchlein ausgehen sollte, das ich gerade in meinen Händen hielt. Für mich war es bis jetzt nicht mehr als ein kleines, gebundenes, ziemlich blödes Layout. Nichts, was ich je freiwillig in die Hand genommen hätte. Obendrein pries es sich selbst als "Klassiker" an und ich fragte mich, warum Eigenlob eigentlich nur bei Menschen stinkt. Marketing ist doch auch nichts anderes als eine legitimierte Rechtfertigung, die eigenen Fürze als Wohlgeruch anpreisen zu dürfen. Jedenfalls hatte ich weder vom "Klassiker" Schritte auf dem Weg, dem Titel des Buches, noch der Autorin Gunnel Vallquist je etwas gehört. Ich kannte nur den Namen des Verlages. Und das war auch der einzige Grund, warum ich die Buchdeckel überhaupt öffnete.

Als ich in den ersten Zeilen des Vorwortes las, dass jene Gunnel eine aufrichtige Katholikin gewesen war, hätte ich mit Nathanael augenrollend stöhnen können "was kann denn aus der katholisc…

Die Lehre der Leere (3): Die Entdeckung

Diese Art "Er-sucht-und-findet-mich-Schatz" hat sowieso etwas ganz besonders Listiges und Gerissenes an sich. Einerseits wollen sie gefunden werden, andererseits tarnen sie sich besonders gut, tragen die Intelligenz der Delphine, die Tarnung der Chamäleone und die Formbarkeit der Amöben in sich und scheuen sich nicht, von allem reichlich Gebrauch zu machen. Und zuweilen nehmen sie die Form hässlicher Kaffepötte an, nur um sich dahinter verstecken zu können. Dort warten sie. Schätze, das wissen wir alle, sind sehr geduldig. Das unterscheidet sie von uns Menschen.

Meiner wartete also geduldig auf der Küchenbank. Wochenlang. Rotgelb schweigend und ungeöffnet. Bis ich mir überlegte, dass ich nun mal überlegen müsste, was mit diesem komischen Karton anzustellen sei. Denn benutzen wollte ich die hässliche Tasse eh' nicht, doch einfach so wegwerfen wollte ich sie auch nicht. Immerhin war sie das Geschenk meines Chefs und damit symbolisierte sie aufrichtige Anerkennung für ein …

Gottes Wege sind erstaunlich

Nein, dieser Post hat nichts mit der Tagebuchserie zu tun. Zur Abwechslung eine aktuelle Neuigkeit aus Prag:


Die Lehre der Leere (2): Die Natur der Schätze

Eine Tasse.

Sollte sich mein Verdacht bestätigen, war dies in zweifacher Hinsicht kritisch. Erstens gehört weder gelb noch rot noch tassenrund zu den Empfehlungen meiner persönlichen Farb- und Formberaterin, übrigens auch nicht zu meinen Lieblingsfarben, und zweitens war ich seit fünfundzwanzig Jahren mit einer Jägerin und Sammlerin verheiratet, die keinen Handwerkermarkt, kein Töpferstudio beutelos verlassen konnte, und deswegen gehörte ich zur Spezies der wenigen Privilegierten des Globus, die mit Fug und Recht von sich behaupten konnten, sogar mehr als alle Tassen im Schrank zu haben. Doch jene Ehre war untrennbar an eine große Not gekoppelt: Platznot in allen Schränken und Vitrinen, auf sämtlichen Regalbrettern und freien Flächen, weswegen jede neue Tasse, ob groß, ob klein, ob hübsch, ob hässlich nur mit Gefühlen entgegengenommen werden konnte, die sich wortlos durch leichte Kopfschräglage, ungewöhnlich breites Grinsen, zusammengebissene Schneidezähne und aufgerissene Augen offe…

Die Lehre der Leere (1): Das Geschenk

"Warte! Fast hätte ich es vergessen!"

Eigentlich war mein Körper ja gerade dabei, sich nach dem anstrengenden, mehrtägigen Treffen erschöpft auf den Beifahrersitz des obligatorischen Kombimodells plumpsen zu lassen, um faul und bequem von einem netten Kollegen nach Hause chauffiert zu werden, doch wie ich plumpsenderweise meinen Chef hektisch und aufgeregt über den Rasen rasen sah, direkt auf mich zu, mir erwartungsvoll in die Augen schauend, siegte der Geist ausnahmsweise über den körperlichen Fall und ich fand mich ebenso erwartungsvoll lächelnd neben dem Volvo stehend wieder. "Chefen" hielt einen Karton mit ziemlich merkwürdigem Muster in der Hand, und seine leicht ausgestreckte Hand, die sich langsam vorschob, ließ mich erahnen, dass die quietschgelb-knallrote Packung wohl als Geschenk an mich gedacht war.

Freudestrahlend dankte er mir für meinen enormen und vorbildlichen Einsatz im vergangenen Jahr, und ich dankte herzlich und ehrlich zurück, denn es freute m…

Gebetsclip im August

Hochzeitspredigt

Lust, Oles und Athenes Hochzeitspredigt (nochmal) zu hören?



Die Predigt dauert gut 20 Minuten, anschließend kommt das Lied "From the Ground Up", das sich das Brautpaar gewünscht hat.

Ich heirate. Ich heirate nicht. Ich heirate. Ich heirate nicht.

Der westliche Mensch des 21. Jahrhunderts will wenig Verantwortung für's Leben übernehmen und sich spät bis möglichst gar nicht festlegen. Das ist nichts Neues mehr. Dazu hatte ich erst kürzlich den schwedischen Psychiarter David Eberhard zitiert. Heute flatterte eine neue E-Mail in meinen Eingangskorb. Der Autor des Buches "Not yet married" (Noch nicht verheiratet) fügt einige interessante Aspekte hinzu. Ein paar übersetzte Abschnitte von Marshal Segal:

Wir leben in einer Geselschaft des Jetzt. Immer und überall können wir sehen und streamen, worauf wir grad Lust haben. Wenn wir wollen, werden uns die ausgefallensten Lebensmittel und Mahlzeiten direkt an die Haustür geliefert. Wir klicken "Gefällt mir", schicken Sms und flirten von unserer vollgekrümelten Couch aus - unsere abgeschottete Sicherheits- und Komfortzone.

Das Ich gepaart mit Ungeduld sind auch die wesentlichen Bestandteile der Flutwelle des vorehelichen Sex, wo wir uns selbst verschenken bevor wir ü…

Von nun an geht's bergab.

Mittsommer in Schweden. Wer nie mindestens zwei Jahre nördlich des 55. Breitengrades gelebt hat, kann sich die Auswirkungen von Licht und Dunkelheit auf Leben und Wohlbefinden, auf Gesellschaft und Kultur nicht im Entferntesten vorstellen. Mittsommer als längster Tag des Jahres wird deswegen gebührend gefeiert. Jeder genießt die Allgegenwart des Lichts. In alle Freude mischt sich aber auch ein wenig Schwermut, denn alle wissen: Von nun an geht's bergab.

Darin unterscheiden sich die Skandinavier von den Christen des Westens: Der Nordeuropäer weiß, dass nun die Tage kürzer werden. Winter is coming. Der gemeine Christ des Westens hingegen weigert sich, die in der Ferne herannahenden Wetterfronten ernst zu nehmen. Teils ist er viel zu beschäftigt, teils verlässt er sich lieber auf zweifelhafte Scheinheiligkeiten. Dass Gemeinde immer wachsen werde, wenn man nur alles richtig mache. Dass Gott kein Leid und Ungerechtigkeit im eigenen Leben zulasse. Und wenn der Frost dann doch gekommen …

Zero Commitment

Vor knapp zwei Wochen habe ich meinen Sohn verheiratet. Welch ein Erlebnis. Noch heute bin ich voll auf Endorphin: Sonne, Fest und Stolz auf Sohn und Schwiegertochter. Die zwei sind wunderbar, kommen aus stabilen Familien, die ihren Vorbildern in den kommenden 65 Jahren nacheifern wollen. Allen, die uns weder auf Instagram noch Twitter oder Facebook folgen, werde ich irgendwann ein paar Bildchen auf new-reformation-privat einstellen.

Doch im Rausch der Glückshormone schmecke ich auch einen Wermutstropfen. Der hat nichts damit zu tun, dass nun auch das zweite Kind Vater und Mutter verlassen hat. Die Tatsache, dieses Ziel erreicht zu haben, macht mich nur noch stolzer. Der Wermutstropfen kommt nicht aus der Familie, sondern aus der Gesellschaft, in der wir leben.

Nie habe ich nämlich so viele verstörte Blicke und Kommentare erhalten. ”Was?! Die heiraten?! Ja, wie alt sind die denn?! Was, 21?! SO JUNG?!?!” Und dann dieser Blick, das künstliche Grinsen, als würde bald unser Haus von ein…

Neuer Gebetsclip

Gebetskrücken

Wenn's dick kommt, leidet das Gebet. Soviel ist sicher. Es erfordert Disziplin, aus überquellenden Terminkalendern regelmäßige Gebete auszugraben, die mehr sind als nur Stoßgebete. Und wenn man mal kurz Zeit hätte, zum Beispiel im Bus oder Wartesaal, fehlen die betenden Worte. Man ist müde und das Hirn zu blank zum Beten.

In den letzten Jahren habe ich versucht, Wege zu finden, mein Gebet trotz langer, voller Tage zu fördern. Denn ein lebendiger Kontakt zu Gott ist (über-) lebenswichtig für mich. Lobpreismusik hilft mir nicht, meist weil mir die ewig sonnigen Texte zu flach und zu ich-mir-mein-mich-bezogen sind. Sie spiegeln kaum mein Seelenleben wider.

Vor Jahren entdeckte ich eine unerwartete Ressource: Das Stundengebet. Erst war ich etwas empört, dass so viele schwedische Freikirchler so bereitwillig eine "katholische" Tradition in ihr Gebetsleben einbauten. Außerdem reagiere ich seit dem Konfirmandenunterricht in der evangelischen Landeskirche immer noch allergisch …

Wenn der Tod kommt

Jeder wünscht sich eine heile Welt. Der sprichwörtliche "Himmel auf Erden" wurde so oft besungen und rezitiert, dass er wie ein Kaugummi schmecken muss, das von einer ganzen Schule seriell durchgespeichelt und ausgelutscht wurde. Und dennoch nimmt man es gerne noch einmal selbst in den Mund. Unsere Himmelssehnsucht ist ein merkwürdiges Geheimnis.

Ganz besonders wünschen sich Eltern eine heile Welt für ihre Kinder und erlauben ihnen deswegen kleine Freuden und Freiheiten - so schrieb die Süddeutsche gestern nach dem Attentat in Manchester. Doch wenn gerade bei diesen Freuden unsere heile Welt zerfetzt wird, kommt die Erschütterung und damit die Fragen. Fragen, auf die es keine einfache Antworten gibt.

Die ohnehin nicht leichten Antworten fallen umso schwerer, wenn man sie nach der Explosion, nach dem Unfall, nach dem plötzlichen Tod finden will. Irgendetwas in uns hatte es nicht zugelassen, solche Fragen zu stellen, als noch die Sonne schien. Irgendwie waren wir nicht in der…

Wenn die Bomben näher fliegen

Gestern Abend ging wieder eine Bombe hoch. Dieses Mal traf es Manchester in England. Wahrscheinlich war es eine Nagelbombe, die 22 Menschen in den Tod riss und über 60 verletzte. Diese Bombennachricht fühlt sich anders an als andere zuvor: Unser Sohn lebt in Manchester.

Er war nicht auf dem Konzert. Ariana Grande ist weder sein Musikstil, noch hatte er am Abend vor wichtigen Examen die Zeit dazu. Doch wir sehen die Einschläge näher kommen: Das erste Attentat in einer Stadt, in der Familie ersten Grades lebt. Wir sehen ein: Theoretisch kann es jeden von uns treffen.

Ich persönlich empfinde deswegen nicht mehr Angst oder Unruhe. Denn ich weiß spätestens, seit ich in einer Unfallklinik gearbeitet habe, dass man von Bullen aufgespießt, Müllwagen zequetscht oder von Feuerwehrleuten mit der Schippe umgehauen werden kann. Es kann jedenjederzeit treffen. Und so wie es wahrscheinlicher ist, vom Blitz getroffen zu werden als mit dem Flugzeug abzustürzen, so wird man eher von einer Kuh totgetra…

Fertig.

Wenn über Wochen nichts oder nur wenig auf meinem Blog zu lesen ist, dann ist das kein gutes Zeichen. Denn Blogartikel schreibe ich in erster Linie für mich selbst, weniger für die Öffentlichkeit. Ich schreibe als Übung zum Ordnen meiner unfertigen Gedanken. Der Blog ist mein Canvas. Wenn hier also nicht gekleckst wird, dann gab's auch keine unfertigen Gedanken. So einfach ist das. Dann gab es nur fertige Gedanken. Das ist schlecht. Denn fertige Gedanken sind nicht nur schon da und geboren, sie sind schon lange da. Alt sind sie. Alte Bekannte.

Fertige Gedanken sind längst aus den Kinderschuhen herausgewachsen. Sie sind erwachsen, kennen den Ernst des Lebens. Haben Erfahrung und Falten, aber nichts Spielerisches mehr. Fertige Gedanken erwartet man von einer Kanzel. Von einem fertigen Prediger.

Unfertige Gedanken sind hingegen wie Kinder. Sie sind laut und springen herum. Sie haben Zeit, viel Zeit. Und sie brauchen Zeit. Zeit zum Spielen. Zum Ausprobieren. Zeit zum Entdecken. Und z…