Direkt zum Hauptbereich

Mosaiksteinchen 2: "Na, du weißt schon, so eine Missionarsfamilie..."


Wieder sitze ich in der Straßenbahn. Bin auf dem Weg zu einem Treffen. Auf dem Sitz hinter mir sitzt eine Frau, Jahre älter als ich, die gut hörbar und offensichtlich mit einer Freundin oder einer guten Kollegin telefoniert. Vor ein paaren Jahren noch hätte ich mir sehnsüchtigst gewünscht, mehr von dem verstehen zu können, was so um mich herum gesprochen wird. Nun kann man teilweise sogar verstehen, was zwischen den Zeilen gesagt wird. Ich vermute, dass diese Dame am Sozialamt oder irgendeiner Beratungsstelle arbeitet, denn die beiden Gesprächspartner tauschen sich vermutlich Geschichten mit ihren Klienten aus. Dann beginnt die Frau hinter mir eine neue Story von "noch so einer", die neulich bei ihr reingeschneit kam. Eine junge Frau, so Anfang zwanzig, ein Sack voller Probleme. Sie kam, wie die Frau erklärte, "naja, du weißt schon, aus so einer Missionarsfamilie. Zwölf Kinder, ständig im Ausland, zuletzt in England", sie konnte gar keine Persönlichkeit entwickeln, ist zweimal schwanger geworden, hat zweimal abgetrieben. Die anderen Details schenke ich mir hier. Jetzt saß die junge Frau aus so einer Missionarsfamilie eben also da. Als Häuflein Elend, das endlich Hilfe brauchte.

Meine Haltestelle nähert sich, es sind noch zehn Minuten bis zu meinem Treffen, und in den Ohren klingt mir immer noch "naja, du weißt schon, aus so einer Missionarsfamilie." Was will man da schon erwarten? Ständig habe ich diese verkorksten Fälle aus frommen Kreisen, sozial inkompetent, unfähig, mit Sex umzugehen, aus komischen Verhältnissen kommend und die dann auch noch meinen, die Welt missionieren zu müssen. Was will man da schon erwarten? Das sind Leute, durch die Kirche verdreht, die wir dann wieder geradebiegen dürfen.

Was wird ein solch beratender Mensch wohl empfinden, wenn er oder sie privat auf einen Missionar trifft? Die hiesigen Sozialbehörden sind übrigens extrem missionskritisch. Diese Haltung scheint mir stark auf dem Vormarsch zu sein: Mission? Nein, danke.

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Gemeinde - ein Verein oder eine Firma?

Bald ist wieder GLS-Zeit in Schweden. GLS heißt Global Leadership Summit und ist nichts anderes als Willow-Creeks jährliche Leiterkonferenz. In Schweden wird GLS in den Großstädten angeboten als eine halb Live, halb aufgezeichnete Veranstaltung. Unser Partner Saron ist Treffpunkt für alle Gemeindeleiter im Göteborger Raum. Natürlich werde auch ich wieder da sein, nicht zuletzt, um andere Gemeinden zu treffen und um getroffen zu werden. Nun habe ich selbst meine Leiterausbildung in den USA absolviert und weiß, dass die Amis hier sehr viel Gutes zu sagen haben. Ich weiß auch, dass die Deutschen in Sachen Menschenführung und Leitung deutlich mehr Nachholbedarf haben als die Schweden. Und so begeistert ich von vielen Dingen auch immer noch sein mag, ein paar Fragen wollen mir nicht mehr aus dem Kopf: Muss Gemeinde wie eine Firma geführt und strukturiert werden? Muss Gemeinde wie ein Verein geführt und strukturiert werden? Und wenn die Antwort auf beide Fragen auch Nein lauten kann, wie mu...

Bewirken. Entfachen. Hervorrufen. Evozieren.

Serie: Missional Action Plan, Phase zwei  Das sind einige Synomyme für die zweite Phase unseres sogenannten Missional Action Plans, genannt Auslösen (initiate) . Was ist denn das? Nun, niemand glaubt heute noch, dass der Pfarrer den Menschen wirklich zu sagen hat, wie man was zu tun oder zu lassen hat. Eigentlich möchte sich heute überhaupt niemand noch was sagen lassen, solange man nicht ausdrücklich gefragt hat. Entsprechend ist auch niemand mehr scharf auf Predigten. Predigt, das klingt wie Standpauke. Epistel. Ermahnung. Wie Schelte und Zurechtweisung. Niemand* will sich also noch bepredigen lassen. Man geht entweder auf Konfrontation oder stellt die Ohren auf Durchzug. Das, was jahrhundertelang das Zentrum der kirchlichen Kommunikation war, die Predigt, stirbt aus. Stirbt aus? Ganz und gar? Keine Predigten mehr in Zukunft? Nein, so ist es auch wieder nicht. Römer 10,17 sagt ganz klar, dass der Glaube aus der Predigt kommt, und damit wird die Predigt immer eine entsche...

Sola Gratia

Schschschau mal, ist das hoch zum Drüberspringen... Impuls Nummer drei: Gottes Maßstäbe gelten lassen (Hier geht's zum Anfang dieser lustvollen Serie) Ich möchte uns an eine alte, biblische Weisheit erinnern, von der wir heute nicht mehr so viel hören: Gottes Standards für den Menschen sind extrem hoch. Dieses Prinzip finden wir durchgehend in der ganzen Bibel, im Alten wie im Neuen Testament. Man lese nur einmal das Gesetz der Thora oder, wem das zu alttestamentlich erscheint, der darf sich gerne der Bergpredigt hingeben und ihrem Standard folgen. Viel Erfolg dabei. Zweitens sollten wir uns daran erinnern, dass Gottes Standards nicht verhandelbar sind. Gott hängt die Messlatte auf, wo ER sie haben will und dann hängt sie da. Punkt. Daran gibt es nichts zu rütteln. Keinen Millimeter weicht Gott davon ab. Das gefällt uns Menschen nicht. Wir möchten gerne glänzen, als gut und richtig dastehen. Doch der Hauptzweck dieser hohen Messlatte ist es ja gerade, unsere menschlich...