Direkt zum Hauptbereich

Wer erntet die dicksten Kartoffeln?

Wer es noch nie gesehen hat, dem sei es hiermit gezeigt: Unsere Gesellschaft setzt sich aus vielen Subkulturen zusammen. Das Bild ist ein Beispiel für Deutschland, wo sich das Sinusinstitut in seinen sogenannten "Milieustudien" auf zehn Milieus oder Kartoffeln begrenzt. Sinus macht solche soziologischen Studien in erster Linie für Firmen, die ihr Produkt möglichst punktgenau in einer passenden Zielgruppe vermarkten wollen. Es ist eine fantastische Brille, mit der man klarer sehen kann, mit wem man es eigentlich zu tun hat und wie die gewünschten Kunden so ticken.

Wenn sich Pastoren, Pfarrer oder ganz normale Christen diese Brille auf die Nase setzen, sehen die meisten entweder rot oder schwarz. Einigen wird auch gerne schwindelig oder sogar so schlecht wie bei einem Horrortrip. Warum nur?

Weil Sinus ebenfalls herausgefunden hat, dass Kirchen und Gemeinden, völlig egal welcher Farbe, Konfession oder Denomiation, fast ausschließlich aus einem ca. 15% großen Segment am linken Ende des Diagramms bestehen. Christlicher Glaube spricht eher traditionell veranlagte Menschen an und scheint nix für "Expeditive & Co." zu sein. In allen anderen Kartoffeln gibt's uns Fromme entsprechend nur sehr sporadisch oder, um es auf den Punkt zu bringen: gar nicht. Wer fromm ist, befindet sich mit größter Wahrscheinlichkeit ziemlich links im Diagramm.

Natürlich wollen alle wirklich frommen Christen Mission oder Evangelisation. Sagen wir jedenfalls. Was wir aber oft eigentlich meinen, ist folgendes: Dass die anderen so werden sollen wie wir selbst es schon sind. Wir wünschten uns, dass die anderen da draußen irgendwann zu der Einsicht kommen mögen, dass unsere Gottesdienste und Treffen eigentlich ja doch ganz schön sind. Großes, großes Problem. Weil alles, was wir tun in unseren Gemeinden - sprich Sprache, Aussehen, Zeiten, Musik, Programme und so weiter - laut, sehr laut herausschreit: "So lange euch nicht gefällt, was uns gefällt, so lange ihr nicht werden wollt wie wir, bleibt gefälligst, wo ihr seid!" Und das machen die dann auch. Der Gedanke, dass Jesus vielleicht möchte, dass es an uns ist, den Sozialökologischen ein Sozialökoligischer oder den Performern ein Performer zu werden, lässt so manchem frommen Christenmenschen die Gesichtszüge entgleisen. Da bekommt Mission vor der eigenen Haustür plötzlich eine ganze andere Dimension.

Doch es kommt noch dicker. Denn manche Kartoffeln werden in kommenden Jahren immer fetter. Leider sind es die, in denen Gemeinden gar nicht vertreten sind, z.B. die orange-rot-gelben. Gleichzeitig wird die Kartoffel der Traditionellen bis 2025 von 15% auf 6,5% abmagern. Die Traditionellen sind da, wo die meisten Gemeinden zu Hause sind. Wenn man sich mal ansieht, wie heutige Teenager, also morgige Erwachsene so ticken, dann sehen die Kartoffeln grad so aus:

Da gibt es gar keine Traditionellen mehr. Mit etwas anderen Worten: Wenn wir nicht bald herausfinden, wie man z.B. unter "experimentalistischen Hedonisten" Gemeinde gründet, dann wird es in absehbarer Zeit auch gar keine Gemeinden mehr geben. Das sagen die Schwarzseher. Die Rotseher reagieren auf Sinus etwas genervt und meinen, man könne doch jetzt nicht ernsthaft meinen, alle Gemeinden müssten sich umstülpen. Die Horrortripler ziehen sich Sinus rein und drehen durch, sobald sie einsehen, dass die Kartoffelstudien keine Lösungen anbieten, nur Sehhilfen. Nur ganz wenigen gelingt es, den Sachverhalt nüchtern zu betrachten um dann zu versuchen, kreative und doch christuszentrierte Ansätze zu entwickeln.

Eigentlich haben wir bei H2O die ganze Zeit genau das versucht: Gemeinde für die zu sein, die keine Gemeinde wollen. Im Grunde ist das die Kernfrage, die mich umtreibt, seit ich vor über 30 Jahren Jesus begegnet bin: Wie kann man Jesus in die Welt da draußen tragen, zu jenen, die nie und nimmer in einen Gottesdienst kämen und wenn doch, nur Blabla erleben? Wie ernten wir bloß all die anderen Kartoffeln?!

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Missionarsalltag

Was machen wir eigentlich? Wie sieht eine "normale" Woche aus? Das werden wir immer wieder gefragt. Zeit für eine verständliche Antwort.


Forge Film

Unter die Rubrik "Sachen, die wir so machen" fallen mal sehr schöne, mal sehr unschöne Aufgaben. Zu den besonders schönen gehört es, wenn ich einen Filmauftrag bekomme. In meinem Fall sind die Aufraggeber meistens christlich und deren Budgets ebenso, dass heißt, ich muss alles alleine in sehr begrenzter Zeit hinkriegen. Doch selbst, wenn das Resultat aufgrund solcher Begrenzungen nicht immer so perfekt ist, wie Profis sich das vorstellen, so ist die Arbeit an sich schon Belohnung.

Ein Film, den ich diese Woche geliefert habe.


Übersetzung, gefällig?!

Forge ist eine Ausbildung für Pioniere, die dich aufmuntern und ausrüsten will, Jesus in deinem Umfeld zu folgen. Risiken eingehen, neues Territorium zu erschließen, Jünger machen, die neue Jünger machen. 

Forge ist eine Gedankenschmiede, wo wir versuchen und darüber nachdenken, das Evangelium auf relevante Weise im heutigen Schweden zu formulieren. Es gab eine Zeit, wo in Schweden die Kirche mitten im Dorf stand. Es war eine chr…

Schlechterwisser XII.: Nach Furz kommt Festland

Jeder kennt die sagenumwobene Flatulenz der Rinder. Obwohl nur ein kleiner Teil der Verdauungsgase ausgepupst und der Großteil über die Atemwege abgegeben wird, bleibt ein Faktum bestehen: Die durchschnittliche Milchkuh produziert mindenstens 100kg Methan pro Jahr. Methan in unsere heutige Atmosphäre zu geben ist genauso weise wie Windpocken durch exzessives Kratzen zu behandeln, Lungenkrebs mit Rauchen zu therapieren, Kopfschmerzen mit Holzhämmern zu kurieren.

Der Treibhauseffekt von Methan verhält sich relativ komplex im Vergleich zu Kohlendioxyd, doch vereinfacht kann man sagen, dass Methan 72x schlimmer ist als CO2, in Worten: zweiundsiebzig mal.

Am Beispiel meines obigen Instagram-Posts vereinfacht ausgedrückt: Mein Platz in den Fliegern auf der letzten Dienstreise nach Madrid hat eine gute halbe Tonne CO2 in die Atmosphäre gepustet, und das ist ziemlich viel, finde ich, doch der Treibhauseffekt dieser Menge entspricht nur 7,5kg Methan - das entspricht einem knappen Monat im Leb…