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Schlechterwisser

Lehrer Lämpel wiegt sich in trügerischer Gewissheit.

Es wird wohl nie enden. Immer, wenn man denkt, nun hätte man verstanden und könne sich ausruhen, muss man kurz danach einsehen, mit dem Verstehen gerade erst angefangen zu haben. Mit allem geht es so. Sprache. Kultur. Der eigenen Frau. Klimaveränderung. Liebe. Zukunft. Gott. Nach der Einsicht beginnt die Entdeckungsreise auf der nächsten, dann der übernächsten Etage, bis man glaubt, nun aber wirklich begriffen zu haben, doch kurz danach... - ja, genau.

Ich gebe auf zu glauben, irgendetwas je völlig zu verstehen und wähle stattdessen, ein Lernender zu bleiben. Dabei lerne ich unerwartet Demut, denn ein ewig Neugieriger kann nie als Professor Schlau auftreten, der wie eine Mastgans am Rohr mit künstlicher Weisheit gefoltert wurde. Vielleicht nennt man die Jünger Jesu deshalb μαθητής, Lernende, Schüler. Demütige. Wer jünger bleiben will, muss aufmerksam, flexibel sein, sonst wird man schnell wieder zum verlorenen Schaf, im dösigen Trott schon wieder eine Abbiegung des Hirten verpennend. Denn der Weg zu grünen Wiesen, frischem Wasser und gedeckten Tafeln ist ein geheimnisvolles, gefährliches Labyrinth, das einen guten Führer erfordert. Wo bloß soll der Unwissende den Pfad ins Gesträuch der Ungewissheit schlagen? Das Dickicht wuchert, und immer, wenn ich dachte, es verstanden zu haben, wurde mir die schmerzhafte Einsicht aufgezwungen, dass mein Verständnis kaum erst begonnen hatte.

Mission zum Beispiel. Man sollte meinen, ich hätte sie verstanden, schließlich ist es meine Profession. Ich halte sogar Vorlesungen vor Studenten darüber:

"Zur Zeit Jesu lebten ungefähr 300 Millionen Menschen auf der Erde."

So geht eine meiner Lektionen los.

"Diese Menschen mit dem Evangelium zu erreichen, war der aktuelle Auftrag an die Jünger."

1600 Jahre später war er immer noch nicht erfüllt, dafür hatte sich der Umfang des Auftrages verdoppelt: auf 600 Millionen Menschen. Nur weitere 300 Jahre später hatte sich der Auftrag auf 1,8 Milliarden Seelen verdreifacht. Am 12. Oktober 1999 wurde die Sechs-Milliarden-Grenze durchbrochen. 2050 werden 9 Milliarden Erdenbürger erwartet, die es mit dem Evangelium zu erreichen gilt. Meine Schlussfolgerung lautet:

"Heute stellen uns nicht mehr geografische Entfernungen, sondern demografische Dimensionen vor riesige Herausforderungen."

Das ist wahr. Und es klingt schlau, gerade so, als wüsste ich genau, wovon ich rede und was das alles bedeutet. In Wahrheit aber habe kaum angefangen, alle Konsequenzen zu erfassen, die nur diese eine Veränderung allein mit sich bringt. Nur eins weiß ich: Wir können nicht den Kopf in den Sand stecken und so tun, als wäre nichts geschehen. Wir müssen umdenken, neu denken, dürfen nicht so arrogant tun, als wüssten wir alles. Wem die Zukunft (z.B. seiner Kinder und Enkel) nur einen Funken bedeutet, der muss handeln.

(Fortsetzung folgt)

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