Direkt zum Hauptbereich

Sind wir nicht alle ein bisschen Milieu?

N

Im ”konservativ-etablierten Milieu” ist man 53 Jahre alt. Hat das zweithöchste Einkommen aller Milieus. Im ”hedonistischen Milieu” ist erlaubt, was Spaß macht. Was nicht, wird vermieden. Die ”bürgerliche Mitte” ist schrumpfender Mainstream der Gesellschaft. Bucht gerne Pauschalreisen. Das ”adaptiv-pragmatische Milieu” hat die geringste Bereitschaft aller Milieus, sich für sozial Benachteiligte einzusetzen. Aber es hat Zukunftsaussichten: Es wird morgen der neue Mainstream sein. Gemeinden erreichen vor allem das traditionelle Milieu, doch das schrumft bald schon auf nur 9% Deutschlands. Das ”expeditive Milieu” wächst wie Pilze im Herbst, wird aber von Kirchen und Gemeinden so gut wie gar nicht erreicht.

Das ist das Superextrakt eines Vormittages auf der Kirche-und-Milieu-Tagung. Peter Martin Thomas, Leiter der Sinusakademie stellte die zehn deutschen Subkulturen erfrischend anschaulich dar und macht deutlich: Gemeinde befindet sich nur in wenigen Milieus mit ganz typischen Werten, Gewohnheiten und Lebensstilen. Und: Zwischen den Gemeinde- und anderen Milieus befinden sich kulturelle Lichtjahre.

Mir gefällt die Sprache, die Sinus gefunden hat, um unterschiedliche Lebenswelten zu beschreiben: Werte, Grenzen, Wohnwelten oder Musikstile. Hier beschreibt ein Marktforschungsinstitut mein ganz persönliches, vergangenes Jahrzehnt: In völlig andere Milieus und Lebensstile zu ziehen, dort zu leben, weben, sein. Ich spüre wieder regelrecht in mir, welche Herausforderung das für uns war und immer noch ist. Es ist leichter drüber geredet als drin gelebt.

Deutlich wird das ”Drüberreden statt Drinleben” an einer praktischen Übung am Nachmittag: Ein Teilnehmer schlägt vor, Traktate zu begutachten, um sie für den Gebrauch im ”adaptiv-pragmatischen” Milieu anzuwenden. Wirklich? Fromme Flugblätter und Bibelpostkärtchen, um Lebensgewohnheiten derer anzusprechen oder gar zu ändern, die sich vom traditionellen bewusst distanzieren?! Ohne den klassischen Wert solcher Medien kleinzureden, doch völlig losgelöst von tiefen Freundschaften landet fast alles im Müll. Hat man aber tiefe Freundschaften, braucht man andere Hilfen als Traktate.

Wer erreicht seine Welt wirklich? Wer verändert sie? Wer weiß und sieht, wer um uns herum lebt. Eine Treppe runter. Um die Ecke. Jeden Tag im gleichen Bus. Beziehung ist Leben, kein Papier. Sinus ist ein extrem gutes Werkzeug, aber wer nicht wirklich hingehen und mitleben will, braucht auch keine Werkzeuge.

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Problemzonen

Als ich neulich mit dem Wagen in unser Wohngebiet abbog, platzte es aus mir heraus: "Ausgerechnet hier ist der Platz auf der ganzen Welt, den Gott persönlich für uns ausgesucht hat, und es gibt nicht den geringsten Zweifel daran." Meine Frau lächelte und nickte, denn es ist offensichtlich. Und schön. Ein zu Hause zu haben, dass Gott persönlich gewählt hat, ist irgendwie ein ganz besonderes Privileg. Wir fühlen uns wirklich daheim und geborgen.

Schaut man sich aber den jüngsten Polizeibericht an, der 2017 veröffentlicht wurde, könnte es einem anders werden. In den vergangenen Wochen habe ich vielen Leitern präsentiert, wie die Polizei die Problemzonen der heutigen Gesellschaft definiert. Die drei untersten Kategorien nennen sich Risikozonen, gefährdete Gebiete und besonders gefährdete Gebiete. Die besonders gefährdeten Gebiete definiert der Bericht als Wohngebiete mit allgemeiner Neigung, den Rechtsstaat abzulehnen, systematischen Drohungen oder offener Gewalt gegenüber Zeug…

Gebetsclip November