Direkt zum Hauptbereich

Die Gabe der Veränderung

Wir hatten es knapp geschafft. Hechelnd, aber glücklich warteten wir in der Schlange zur Eingangstür des Flughafenbusses, der uns eine gute Stunde lang zum Ziel unserer 14-stündigen Reise fahren sollte. Das Gepäck war verladen, und wir freuten uns, bald anzukommen. Doch diesem Wunsch kamen wir nur sehr nahe. Der Bruchteil eines Millimeters trennte uns von seiner Erfüllung. Genau gesagt, die Dicke eines 50-Euro-Scheins. Wer kein Bargeld hat, darf nicht mit. Bitte aussteigen.

Nur Bares ist Wahres.

Natürlich war es nervig, noch eine weitere Stunde an einem Flughafen herumzuhängen, nachdem man erst neun Stunden auf einem anderen herumgehangen hatte, weil wir uns die preisexorbitanten Tickets eines Direktflugs verweigert hatten. Natürlich fragte ich mich, warum ich eigentlich nie Bargeld in der Tasche habe, und warum das von allen Airports der Welt, die ich so sehe, nur in der Hauptstadt Bayerns zum Problem wird. Natürlich fragte ich mich auch, ob es an meinem Ziel Ingolstadt denn wirklich gar keine international agierende Industrie gebe, die immer wieder mal kartenzahlende Geschäftsgäste aus aller Welt empfängt. Natürlich schüttelte ich den Kopf.

Doch im tiefsten Grunde bin ich dankbar für solche Denkzettel.

Viel zu leicht könnte es sonst passieren, alles zu selbstverständlich zu nehmen: Man reist zurück nach Bayern, wo wir einst unser junges Leben, unsere Ehe etablierten, unsere Berufskarrieren, wo unsere Kinder das Licht der Welt erblickten, sprechen, laufen, radeln lernten. Ein Flug nach Bayern wird zur Zeitrreise in die eigene Vergangenheit, als alles noch besser, die Welt noch in Ordnung, überschaubar war. Ich könnte sonst vergessen, dass seit unserem Wegzug kein einziger Tag vergangen ist, an dem ich mich nicht in einer fremden Welt verunsichert fühle. Mein Vertrauen auf Gott wuchs mit jeder weiteren brüchigen Sprosse auf einer rissigen und endlosen Hängebrücke in den Nebel. Ich könnte vergessen, dass selbst meine Kinder gelernt haben, auf jener Hängebrücke seilzutanzen, weil es für sie zum Beispiel völlig normal wurde, ihre Muttersprache zur Zweitsprache zu erklären. Ich könnte meinen, wenn wir nur wieder hier nach Bayern zurückzögen, dann, ja dann wäre alles wieder so wie früher. Doch das hieße, in trügerischer Nostalgie vergessen, dass wir nicht mehr sind, wer wir waren.

Ständige Veränderung hat uns verändert. Flüchtige, unsichere, komplexe und ambitiöse Zeiten wurden zum Werkzeug, die uns selbst zum Werkzeug schliffen. Schwimmen lernt man nicht im Klassenzimmer, die Zukunft nicht in der Vergangenheit. Veränderung ist ein Geschenk. Der Umgang damit eine Disziplin. Wie Dankbarkeit. Man lernt und übt sie im Detail.

Und so bedankte ich mich freundlich bei dem nettem Busfahrer, der geduldig unser Gepäck aus dem Bauch des Busses fischt, weil er es auch nicht ändern kann, dass sein Arbeitgeber keine Kreditkarten akzeptiert wie der Rest der Flughafenwelt.


Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

10 Dinge, die's vor 10 Jahren noch nicht gab (und warum das so wichtig für Gemeinden ist)

Herzlich willkommen im Jahre 2017!  Ich hoffe, Ihr seid gesund herübergekommen und habt allen Grund, zuversichtlich in die Zukunft zu sehen. Als wir vor 10 Jahren das erste Mal Silvester in Schweden feierten, hatten wir gerade erst damit angefangen, Ansätze und Ideen für die Gemeinde der Zukunft zu entwickeln. Aus einem kleinen, bayerischen Dorf kommend kam es uns damals grad so vor, als seien wir selber direkt in die Zukunft gezogen. Doch heute möchte ich Euch 10 Dinge vorstellen, die es vor zehn Jahren noch gar nicht gab - bzw. von denen zu Silvester 2006 noch keine Rede war. Wenn Ihr die Liste seht, werdet Ihr manchmal denken: ”Echt jetzt?! Das gab’s da noch nicht?!” In der Tat, es ist schwer zu glauben. So sehr haben wir uns heute an so manches gewöhnt. Legen wir los: Nummer 1: YouTube Streng genommen wurde YouTube schon 2005 gegründet, aber vor 2007 hat’s in unserem Teil der Welt kaum jemand beachtet. Heute ist eine Welt ohne das Videoportal undenkbar: Rezepte, T...

Fromme Schöpferkraft

Selig sind die Füße! Solange sie nicht abbrechen vom Freudenboten. Jahrhundertelang waren Christen in Sachen Kunst und Einfallsreichtum ihrer Zeit meilenweit voraus. Denken wir nur mal an die bildende Kunst. Denken wir überhaupt mal an das ganze akademische Bildungssystem. Denken wir an die unterschiedlichen Alphabete. An das musikalische Notensystem, an die Sozial- und Gesundheitssysteme westlicher Gesellschaften. Alles von Christen erfunden, alles aus biblischen Werten erwachsen. Da müssen überheblich säkulare Besserwisser mal ganz kleinlaut ihre große Klappe halten. Aber dann. Dann müssen entweder Gott oder uns die Ideen ausgegangen sein. Wir haben mit unserem Schöpfergeist das Beste der Staaten Europas gesucht, doch seit der Aufklärung ist uns wohl immer mehr die Phantasie eingetrocknet. Wo sind sie bloß, all die wegweisenden Erfindungen der Christen der vergangenen 150 Jahre? Es ist die Welt und nicht die Gemeinde, welche heute für ihre Originalität und Phantasie bekannt is...

Hochsommer

Wir wissen gar nicht, wie uns geschieht. Seit Wochen genieβen wir hochsommerliche Verhältnisse. Am 01. Mai hat es zum letzten Mal geregnet. Die Wiesen vertrocknen. Man könnte fast täglich baden gehen. Alles hat natürlich auch seine Kehrseiten: Es gibt schon einige Waldbrände, auch ganz in unserer Nähe. Vor ein paar Tagen zog so dichter Rauch durch unsere Siedlung, dass die Augen tränten. Aber man hat es in den Griff gekriegt. * * * We really don’t know what is going on in “cold Sweden”, for weeks we have it very summery. Our last rain we had the first of May. Lawn is getting brown. You could go swimming every day. On the other side of the coin there are forest fires. Some have been fairly close to us. A few days ago we had smoke in our neighborhood as thick as it made your eyes watering. But the fire brigade got it soon under control.