Direkt zum Hauptbereich

Be the Gospel (3): Identität

"Welches Schweinderl hätten's denn gern?" Robert Lembke ist out, seine Frage "Was bin ich?" oder vielmehr "Wer bin ich?" ist hingegen inner denn je...
"Alles geht!" ist die Devise. Die Freiheit, tun und lassen zu können, was man möchte, ist ein extrem hoher Wert in unserer heutigen und den kommenden Gesellschaften. Vorbei die Zeiten, wo man verheiratet wurde, in einen gewissen Stand hineingeboren wurde, wo die groben Bahnen des Lebens schon zur Geburt feststanden. Deine Umstände zur Geburt sagen heute gar nichts mehr. Alle Türen stehen offen und was du daraus machst, ist dein eigenes Geschick. Heute gilt es sogar zunehmend als politisch inkorrekt, einen Menschen nach seinem Ursprungsland zu fragen, weil allein diese Frage schon diskriminierend sei. Ob all das gut oder schlecht ist, sei dahingestellt. Eins steht aber in jedem Fall fest: Diese Freiheit setzt uns Menschen einer neuen Unsicherheit aus: Wer oder was bin ich überhaupt?!

Diese Frage bewegt. In den meisten Fällen versucht man, durch die Schale markieren, wer drin steckt: Kleidung, Marken, Schmuck, Tätowierungen und so weiter sollen der Welt klarmachen, wer hier grad daherkommt. Doch tief im Innersten bleibt ein Fragezeichen: Wer bin ich eigentlich wirklich?

Wer einmal hinter die geschminkten Fassaden schauen darf, staunt immer wieder, wie dominant diese Frage ist, wie sie unentwegt so viele unterbewusste Lebensentscheidungen beeinflusst. Es erstaunt mich, wie riesig das Bedürfnis ist, gesehen zu werden, mitzukriegen, was andere einem widerspiegeln, wer man selbst ist und jene anderen das hoffentlich so tun, dass man sich selbst gemocht und angenommen fühlt.

Hier liegt eine RIESIGE Chance für uns Christen, in postmodernen Zeiten Parfum des Lebens zu sein. Denken wir einmal nach: Als Christen haben wir (hoffentlich!) erlebt,
  • dass Gott uns beim Namen kennt uns ruft (Jes 43:1), 
  • dass Jesus weiß, was im Menschen vor sich geht und wir vor ihm kein Theater spielen brauchen (Joh 2:25) 
  • dass im Übrigen unsere ganze Identität in Jesus und in ihm allein liegt (vgl. Eph 1) 
  • und wir dadurch wirklich freie (Gal 5:1) und erneuerte (2Kor 5:17) Menschen sind. 
Von der Welt um uns herum können wir so viel Einsicht wohl kaum erwarten, doch wir können es ihnen vorleben und die Welt neugierig machen.

Als ich gestern einen Workshop zum Thema hielt, erzählte mir z.B. einer der Teilnehmer, dass er grundsätzlich nur öffentliche Verkehrsmittel benutze und auf diese Weise Beziehungen zu den Busfahrern aufbaue. Neulich habe ihm einer der Busfahrer erzählt, wie schmerzhaft die Trennung von seiner Partnerin sei, durch welche er gerade gehe. Hier kann man ein gutes Wort zusprechen oder sogar Trost spenden. Das ist die erste und einfachste Form, Menschen vorzumachen, dass sie gesehen und gehört werden, dass sie gemocht sind, man sich für sie interessiert.

Etwas schwieriger (aber nicht unmöglich) ist eine andere Art, Menschen wirklich zu sehen: Nämlich das positive Potenzial in einem Menschen zu erkennen und liebevoll auszusprechen. Die allermeisten Leute sind sich nämlich sehr wohl im Klaren darüber, was sie alles nicht sind, haben und können. Wenn wir aber nun etwas Schönes und Positives in einem Menschen sehen, sei es eine Gabe oder Charaktereigenschaft, und es ausprechen, hervorheben, herausloben, werden wir eine auffallende, unbekannte und meist heilsame Ausnahme in deren tristen Leben. Wir könnten jemand ermutigen, etwas Neues zu wagen, irgendetwas, das wir dieser Person wirklich zutrauen würden, und wir könnten sogar ein paar Schritte gebleitend mitgehen. Wo uns so etwas gelingt, haben wir oft einen Freund für's Leben gefunden - so sehr wird es geschätzt, positiv gesehen und ermutigt zu werden.

Wem dies gelingt, dem stehen die Türen offen,  einem Menschen zu zeigen, dass er oder sie auch von Gottes Augen interessiert und liebevoll gesehen wird. Man könnte für jemand ein Gebet sprechen, wo man namentlich für diesen Menschen betet. Das führt nicht zwangsläufig zur sofortigen Bekehrung, aber es eröffnet die Möglichkeit, dass dieser Mensch plötzlich erste eigene Erfahrungen mit Gott macht. Die allererste erlebte Gebetserhörung ist für viele ein überwältigendes Erlebnis. Warum? Weil man sich bislang nicht vorstellen konnte, dass Gott sich für mein kleines Leben hier wirklich intressieren könnte und mir dann auch noch wohl gesinnt ist.

Also dann! Lasst uns diesen großen Bedarf der postmodernen Gesellschaft positiv ausnutzen und der Welt ein Duft des Lebens sein! Lasst uns die Augen im Kopf offen halten und die Menschen um uns herum wirklich sehen. Lasst uns gleichzeitig die inneren Augen und das Herz offenhalten um sehen zu können, wie Gottes Geist uns führt.


Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Zero Commitment

Vor knapp zwei Wochen habe ich meinen Sohn verheiratet. Welch ein Erlebnis. Noch heute bin ich voll auf Endorphin: Sonne, Fest und Stolz auf Sohn und Schwiegertochter. Die zwei sind wunderbar, kommen aus stabilen Familien, die ihren Vorbildern in den kommenden 65 Jahren nacheifern wollen. Allen, die uns weder auf Instagram noch Twitter oder Facebook folgen, werde ich irgendwann ein paar Bildchen auf new-reformation-privat einstellen.

Doch im Rausch der Glückshormone schmecke ich auch einen Wermutstropfen. Der hat nichts damit zu tun, dass nun auch das zweite Kind Vater und Mutter verlassen hat. Die Tatsache, dieses Ziel erreicht zu haben, macht mich nur noch stolzer. Der Wermutstropfen kommt nicht aus der Familie, sondern aus der Gesellschaft, in der wir leben.

Nie habe ich nämlich so viele verstörte Blicke und Kommentare erhalten. ”Was?! Die heiraten?! Ja, wie alt sind die denn?! Was, 21?! SO JUNG?!?!” Und dann dieser Blick, das künstliche Grinsen, als würde bald unser Haus von ein…

Fertig.

Wenn über Wochen nichts oder nur wenig auf meinem Blog zu lesen ist, dann ist das kein gutes Zeichen. Denn Blogartikel schreibe ich in erster Linie für mich selbst, weniger für die Öffentlichkeit. Ich schreibe als Übung zum Ordnen meiner unfertigen Gedanken. Der Blog ist mein Canvas. Wenn hier also nicht gekleckst wird, dann gab's auch keine unfertigen Gedanken. So einfach ist das. Dann gab es nur fertige Gedanken. Das ist schlecht. Denn fertige Gedanken sind nicht nur schon da und geboren, sie sind schon lange da. Alt sind sie. Alte Bekannte.

Fertige Gedanken sind längst aus den Kinderschuhen herausgewachsen. Sie sind erwachsen, kennen den Ernst des Lebens. Haben Erfahrung und Falten, aber nichts Spielerisches mehr. Fertige Gedanken erwartet man von einer Kanzel. Von einem fertigen Prediger.

Unfertige Gedanken sind hingegen wie Kinder. Sie sind laut und springen herum. Sie haben Zeit, viel Zeit. Und sie brauchen Zeit. Zeit zum Spielen. Zum Ausprobieren. Zeit zum Entdecken. Und z…