Direkt zum Hauptbereich

Ein paar Ergänzungen vom Hirsch

Das waren also die Jesusbilder, die ich immer wieder außerhalb der Kirchen antreffe. Was mich auf die Idee brachte, auch darüber nachzudenken, welche Jesusbilder innerhalb der Kirchen zu finden sind. Trifft man dort vielleicht ähnlich anzusehende Jesusdarstellungen? Über diese Frage hat auch der messianische Jude Alan Hirsch oft nachgedacht, und der Einfachheit halber nehme ich ähnliche Kategorien, wie Hirsch sie in seinen Vorträgen oder in seinem Buch "Re-Jesus" verwendet. Die restlichen Formulierungen stammen jedoch von mir selbst.

Der Frau-mit-Bart-Jesus
Eines der beliebtesten Jesusbilder in Gemeinden ist wahrscheinlich der feminine Jesus, soft, lieblich, mütterlich. Allein sein Bart erinnert daran, dass wir es doch mit einem Mann zu tun haben. Der Frau-mit-Bart-Jesus führt wahrscheinlich dazu, dass man Jesus außerhalb Gemeindehäusern und Kirchenmauern nicht für einen kräftig-maskulinen Zimmermann, sondern eher einen "Schmalhans-Dünnbrettbohrer" hält.

Der Lover-Jesus
An den Lover-Jesus fühle ich mich immer wieder bei gewissen Anbetungsliedern erinnert, die eher wie Liebesschnulzen als wie Anbetung klingen. Da ist von Umarmungen, körperlicher Nähe oder auf dem Schoß sitzen die Rede. Als erwachsener, gesunder, heterosexueller und verheirateter Mann gebe ich öffentlich zu, so meine Schwierigkeiten mit der Vorstellung zu haben, auf Jesu Schoß zu sitzen und von ihm geknuddelt zu werden.

Der unheimliche Jesus
Dieses Bild leitet sich von Darstellungen des heiligen Jesus ab, der mich mit Strahlen um den Kopf und/oder geöffnetem Brustkorb bei freigelegtem Herzen herausfordernd anschaut. Trotz aller Symbolik in diesen Darstellungen, die ihre Berechtigung haben mögen, kann das einen eher gespenstigen Eindruck erwecken.

Der Kumpeljesus
Jesus, mein Freund und Genosse! Das ist er ja wirklich, er hat es selbst gesagt! Doch manchmal wird die Aussage Jesu "Ihr seid meine Freunde" aus Joh 15,14 doch arg überstrapaziert und Jesus wird eher zum Thresenkumpel, zum Spezi, immer da, immer gut drauf, immer alles vergebend. Ich hab's vermasselt? Alles kein Problem für Kumpel Jesus. Jesus erwartet Heiligkeit? Ach, was. Des basst scho' so. Und man vergisst völlig, den zweiten Teil aus Joh 15,14 ebenso zu betonen: Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch gebiete. Punkt.

Der Psychojesus
Das ist keine Kategorie von Alan Hirsch mehr, sondern meine eigene Beobachtung. In manchen Anbetungsliedern wird Jesus dargestellt, ab ob er sie nicht mehr alle hätte, als sei er ein irrer Psychopath, wahrscheinlich sogar ein gemeingefährlicher. Da ist zum Beispiel die fröhliche Rede davon, mit Jesus doch "auf Ungerechtigkeit zu tanzen". Mit meiner sehr stark bildlich veranlagten Phantasie sehe ich also schnell das Leid und die Ungerechtigkeit der Welt vor mir - und darauf soll ich nun mit Jesus einen Walzer oder vielleicht Tango hinlegen??? Mit Respekt vor allen psychisch Kranken kann und will ich mir eine solche Szene nicht einmal in der Geschlossenen Abteilung vorstellen.

In einem anderen Lied heißt es "Du [Jesus] bist der Hurrikan, ich bin der Baum..." Also, wenn das so ist, dann möge Jesus mir bitte sehr, sehr fernbleiben, bevor er mir alle Äste und Knochen zerbricht und mich gegen den nächsten Felsen schmettert...

(Ich schließe dabei definitiv nicht aus, dass nur ich derjenige bin, der die tieferen Wahrheiten solcher Lieder nicht begreift. Allerdings habe ich gerade spaßeshalber nur mal kurz nachgesehen, und es dauerte keine 30 Sekunden um den ersten zu finden, der ähnlich empfindet wie ich, siehe hier)

Meine laienhafte Schlussfolgerung zu diesem Zeitpunkt lautet also, dass wir höchstwahrscheinlich alle fleißig und ständig an unserem Jesusbild arbeiten müssen. Das ist eigentlich auch nichts neues. Das war eines der zentralen Themen von Jesus selber, es war ein Thema für Luther, es war ein Thema für Bonhoeffer. Selber hab ich auch schon öfter geschrieben, dass Jesus einfach in kein Schema passt und wir deshalb immer sehr wachsam bleiben müssen.

Die Frage ist nur, wie können wir Jesus aus unseren vorgepressten Schemas herausholen? Wir präsentieren wir ihn einer postmodernen Welt? Gerne würde ich zu späterem Zeitpunkt auch dazu meine Gedanken sortieren und ordnen wollen.

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Brückenpfeiler Nr. 2: Gegründet im gesellschaftlichen Leben

Zum ersten Teil der Serie geht's hier.  Brückenpfeiler Nr. 2: Gegründet im gesellschaftlichen Leben Wohl jeder hat schon mal Leute getroffen, die in der Tat sehr tief in der Bibel verwurzelt sind, deren Füße aber leider nicht mehr auf dem Teppich blieben. Sie sind weder von dieser Welt noch in dieser Welt. Wie Außerirdische sprechen sie eine unverständliche Sprache und ihr Verhalten ist ebenso weltfremd. Solche Menschen können phantastische Denker sein und uns helfen, tiefer in die vielen versteckten Geheimnisse der Heiligen Schrift vorzudringen. Als Gemeindegründer sind sie jedoch nur begrenzt von Nutzen. Sie sind wie Pond d'Avignon , jene berühmte mittelalterliche Brücke im Süden Frankreichs, die es nur bis zur Mitte des Flusses geschafft hat. Sur le pond d'Avignon ist's romantisch schön - doch die Brücke ist nutzlos. Wir denken zum Beispiel an den Klerus in kunstvollen Gewändern oder in höheren Sphären schwebende Theologen, deren Sprache Kanaans uns rästel...

Brückenpfeiler Nr. 1: Verankert in der Bibel

Zum ersten Teil der Serie geht's hier.  Brückenpfeiler Nr. 1: Verankert in der Bibel  Eines der tiefgründigsten und eindeutigsten Gebote Gottes findet sich im fünften Buch Mose: Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR allein. Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft. Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollst du zu Herzen nehmen und sollst sie deinen Kindern einschärfen und davon reden, wenn du in deinem Hause sitzt oder unterwegs bist, wenn du dich niederlegst oder aufstehst. Und du sollst sie binden zum Zeichen auf deine Hand, und sie sollen dir ein Merkzeichen zwischen deinen Augen sein, und du sollst sie schreiben auf die Pfosten deines Hauses und an die Tore. (5Mos 6,4-9) Diese Worte wurden vor tausenden von Jahren gegeben, doch ihre Botschaft ist immer noch sonnenklar: Tu, was du kannst, um nie von Gottes Geboten abgelenkt zu werden. Simpel, oder? Bei uns im Westen finden ...

Missional kontra attraktional?

"Kannst Du mir noch die Adresse schicken, wohin ich morgen kommen soll?" schrieb ich diese Woche dem neuen Studenten. Zu Beginn jedes Semesters muss ich alle meine 12 Studenten in ihren Praktikumsgemeinden besuchen und ihren Mentor treffen. Per Sms kam folgende Antwort: "Weiß nicht genau. Hausnummer 1, glaub ich. Park einfach neben der Kirche." Es ist nicht immer leicht, all die Gemeinden zu finden, manche haben noch nicht mal eigene Lokale. Meine Abenteuerlust gab sich aber zufrieden und ich begab mich auf eine Tagestour, um mehrere Studenten samt ihren Mentoren im Göteborger Umland zu besuchen. Als nach vielen Kilometern und Gesprächen vor mir die Stadt auftauchte, in der ich Hausnummer 1 suchen sollte, bot sich mir folgendes Bild: Dieser Parkplatz sollte ganz ohne GPS zu finden sein, dachte ich bei mir und war zugegebendermaßen etwas überrascht. In Kirchen dieser Größe verkehre ich eher selten. Ein glücklicher Student und ein ebenso glückicher Mentor hieße...