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Posts mit dem Label "Leben" werden angezeigt.

Frischwasser

Frisches Wasser lässt Farben wachsen. Das erste Mal ist immer besonders. Egal, ob himmelhoch jauchzend oder vielleicht doch eher enttäuschend, für den Rest des Lebens erinnert man sich ganz besonders an die ersten Male, die die Seele berührten. Selbst, wer die 50 passiert hat, ist nicht zu alt, noch so manches zum ersten Mal zu erfahren. Es war keine kleine Angelegenheit für mich, zum ersten Mal echte, professionelle Seelsorge in Anspruch zu nehmen. Das Ausmaß der diesjährigen Winterdepression war mir Warnsignal genug. Es war ziemlich offensichtlich, dass mehr dahinterstecken musste als nur Dunkelheit und Vitamin-D-Mangel. Doch wer in aller Welt könnte mir ein guter Seelsorger sein? Wer ist ausgebildeter Profi und kennt gleichzeitig die Höhen und Tiefen des Missionslebens, weiß um Himmel und Hölle interkultureller Gemeinschaften, kann meinen großen Frust über die jüngsten Entwicklungen der Organisation verstehen, kennt mich und meine Familie und hat obendrein mein volles Vertrau...

Sprung in der Schüssel

Eiszeit? Angst vor dem Crash? Sprung im Glas? Keinen Durchblick? Wer weiß das alles schon? Gestern war Nationalfeiertag. Warum es der 6. Juni ist, weiß ich grad nicht. Ich weiß nur, dass es seit drei Monaten mein erster voller Tag zu Hause und ohne Termine war, 24 Stunden ganz daheim, ohne etwas tun zu müssen . Wunderbar. Bin um acht nach dem Aufstehen nochmal ins Bett, einfach nur so, weil's eben ging, bis 9 auf der Matratze zu faulenzen. Frühstück im Garten, herumlümmeln, ein leckeres Essen kochen. Einer kreativen Übung nachgehen, die seit Monaten vernachlässigt wurde: Spaziergang mit Kamera und einem Objektiv, von dem man nur ein Foto mitbringen darf. Warum aber ausgerechnet das obige Resultat dabei herauskam, hab' ich mich dann schon gefragt. Ich überlasse die Deutung kompetenteren Tiefenpsychologen. Euch zum Beispiel. Was ich weiß ist, dass ich überhaupt nicht mehr nach meinen eigenen Prinzipien gelebt habe. Wie Eli, der im Film " Book of Eli " bekennt, ...

Fisch im Toten Meer!

Sonnenaufgang über dem Toten Meer bei En Gedi Stockholm, Freitag, 21:00 Uhr. Tagesabschluss und Abendandacht. Die Teilnehmer des aktuellen Forgekurses*, die sich ein ganzes Wochenende dem Thema "Evangelisation" widmen, blicken erwartungsvoll auf mich. Was ist heute überhaupt Evangelium? Wie kann ich diese zukünftigen, motivierten Gemeindegünder vor mir animieren, wirklich Gute Nachricht zu sein? Gute Nachricht zu leben? Und zwar in einer Zeit, wo Menschen von globalen Ängsten getrieben werden und " Jesus starb für deine Sünden! " eher wie ein altes Kaugummi auf der Straße und weniger als wohltuende Nachricht wirkt? Solche Kaugummis will sich gewiss keiner mehr in den Mund stecken. Zunächst erkläre ich, warum ich letztes Mal nicht dabei sein konnte. Während des letzten Stockholmer Kurswochenendes im November war ich nämlich gerade am Toten Meer. Genau gesagt, bei einer Oase namens En Gedi . Dort habe ich gelernt, dass das ohnehin schon Tote Meer gerade nochmal...

Warum gute Vorsätze (k)ein Blödsinn sind

Solche Todesanzeigen machten die Runde. Ich fand diese auf gott-in-berlin.blogspot.com . Weniger essen, mehr Sport. Weniger Stress, mehr Ruhe. Mehr beten, weniger sorgen. Die Lister aller 2017 geborenen Vorsätze scheint unendlich zu sein. Die Liste der Todesopfer? Nur unwesentlich kürzer. Wenn's hoch kommt, überlebt nur ein 1% den Frühling. Gute Vorsätze enthüllen zweierlei. Erstens, unsere tiefe Sehnsucht nach Veränderung. Im tiefsten Herzen werden sie gezeugt und zu Silvester geboren. Wer nämlich gar nichts Verbesserungswürdiges an seinem Leben findet, macht auch keine Vorsätze. Zweitens, unsere gefühlte Machtlosigkeit, die ersehnte Veränderung auch wahr werden zu lassen. Gute Vorsätze sind Leckerlis für Schweinehund, den inneren. Manche nehmen's mit Humor. Andere geben auf und halten gute Vorsätze fortan für völligen Blödsinn. Ich gehör wohl zur zweiten Kategorie. Habe schon vor vielen, vielen Silvestern aufgehört, gute Vorsätze zu fassen. Oder sollte ich besser sage...

Fleischkonzerne klimaschädlicher als Ölindustrie

Nun, diese Überschrift stammt nicht von mir. Sie stammt aus der SZ. So langsam scheinen sich die Neuheiten herumzusprechen. Drei vorgeschlagene Artikel - ausgerechnet aus dem Fleischfreistaat Bayern.  Christen könn(t)en wieder richtige Vorbilder werden!

Aprilschmerz

Gefrorener, ungrüner Frühling Eisiger Ostwind pfeift um die Ohren. Trotz blauen Himmels will so recht keine Farbe aufkommen, sind alle Böden und Seen immer noch gefroren, der Schnee schmilzt nicht, er verdunstet nur in der trockenen Luft. Ostern 2018 erinnert an Narnia. Der kalte Atem des " Beast from the East " hält alles in Winterstarre. Auferstehung? Davon ist nur wenig zu spüren. Trockenes Gras und kahle Bäume erinnern an wärmere Zeiten längst vergangener Tage. Eine Landschaft voller Symbole für den geistlichen Zustand unserer Zeit: Von geistlicher Erweckung ist ebenso wenig zu spüren. Eisige Winde ziehen über das Terrain und finden jede Ritze, durch die sie ins Innere dringen können. Wahrscheinlich hat Phil Zuckerman deswegen eine kahle Schneelandschaft als Coverfoto für sein Buch " Society without God " gewählt. Der Soziologe hat massenweise Dänen und Schweden über Religion interviewt. Dazu zog der Autor extra nach Skandinavien und war die ersten M...

Die Lehre der Leere (13): Big Business

Nicht die Kirche Gottes hat eine Mission, sondern die Mission Gottes hat eine Kirche. Ich fand dieses Zitat schon immer treffend. Man muss es mehrmals lesen, auf der Zunge zergehen lassen. Glückwunsch an jenen gesegneten Geist, der es formuliert hat. Mission heißt, Gott sein Ding machen lassen. Wie die zwölf Jünger dackeln wir unserem Meister hinterher, haben keine Ahnung, wo er als nächstes hingeht. Wir erleben Wunder und Leid, verstehen ihn nicht immer, lehren mit ihm und lernen doch selbst am meisten. Das Hinterherdackeln ist alles andere als gemütlich, doch ist es das, was dem Wort Leben am nächsten kommt. Das war es, was ich immer wollte: Leben . In seinem vollen dynamischen Umfang. Dazu gehörte wohl auch, dass Gott mir einen großen dynamischen Umfang seiner Gemeinde auf der Welt gezeigt hatte. Treue Einzelkämpfer. Tanzende Gospelchurches. Geschlechtergetrennte Gemeinden. Oder Gleitzeitgottesdienste in Megachurches, wo man vor allem Sahneeis schleckenderweise zur Kernzei...

Die Lehre der Leere (11): Moleskine

In den folgenden Wochen merkte mir vermutlich kaum jemand an, dass sich völlige Leere in mir ausgebreitet hatte. Mein 50. Geburtstag, Silberhochzeit, andere Events, alles war mir scheißegal. Entsprechend gab es auch keine Feiern - vielleicht zur Enttäuschung oder zumindest Verwunderung mancher Freunde. Ging mein Handy, hob ich nicht ab. Aufgesprochene Nachrichten blieben ungehört, bis die Telefongesellschaft sie nach zwei Wochen wieder automatisch löschte. Sms las ich erst nach Tagen, wenn überhaupt, Mails gar nicht. Stattdessen besorgte ich mir ein zweites Handy. PrePaid mit geheimer Nummer. Mein Inneres war gefühllose Kälte. Das heißt, ab und zu gab es Gefühle: Angst oder Nervosität. So, als hätte man zwei Kannen Kaffee zu viel getrunken. Oder als sollte man morgen standesrechtlich erschossen werden. Doch ich wich nicht aus, sondern akzeptierte es. So hatte ich es schließlich beschlossen. Das einzig Lebendige war der Wunsch, manche Gedanken aufzuschreiben, die mich ab und zu d...

Die Lehre der Leere (10): Große Fragen

Gefühllos im Nebel treiben, nicht wissen ob, wann, wie man aufprallt, war ungemütlich. Hoffentlich war Gott wirklich da. Warum war es überhaupt zu jener Leere gekommen, der ich mich nun stellte? Das war die große Frage der Stunde. Ich nahm mir Zeit, in die Leere zu horchen. Hörte die vergessene Stimme eines Zeltevangelisten. Vor vielen Jahren predigte er im Süden Bayerns: "Die Antworten auf die großen Fragen des Lebens sind ganz einfach!" . Er wollte den Hörern Jesus nahebringen, die ultimative Antwort auf jede Frage. War das Leben wirklich so simpel? In freikirchlichen Kreisen wohl schon. Freikirchler, zumindest meine Generation, hatten eine Tendenz zu einfachen Schablonen. Blieb man unter sich, war das kein Problem. Ging man aber "in die Welt", außerhalb frommer Kreise, wurde immer schnell die Spannung deutlich. Vielleicht taten sich Christen deswegen immer so schwer mit Mission. Freikirchliche Mission war meine Sendung geworden. Ein Jahrzehnt hatte i...

Die Lehre der Leere (9): Der Entschluss

Das Bauchgefühl war mittlerweise länger als eine ganze Woche weg. So auch meine Motivation: In den Keller gegangen. Vielleicht zum Bier holen, aber vermutlich trank sie es alle selbst, lag besoffen in der Ecke, denn sie wollte nicht wieder hochkommen. Ebenso meine Lebensfreude. Sie musste auf einen längeren, lustigen Urlaub verreist sein, ohne auch nur daran zu denken, mich mitzunehmen. Als guter Christ versuchte ich natürlich, es mit der Fassung eines reifen Mannes zu nehmen, mir von alledem auf keinen Fall etwas anmerken zu lassen. Natürlich. Das erwartet man von einem Mann in meiner Position. Eine Sache war allerdings neu. Jener Satz wollte nicht mehr von mir ablassen, seit ich ihn gelesen hatte: Wage die Konfrontation mit der Leere. Leere. Leere. Das Gegenteil von Fülle. Es traf den Nagel einfach auf den Kopf. Leere klingt schon so hohl und langweilig mit seinen drei Es. Etwas, dass es um jeden Preis zu vermeiden gilt. Läuft nicht die ganze Welt der Leere davon? Sä...

Die Lehre der Leere (8): Der Shutdown

Knapp drei Wochen nachdem ich das Geschenk des Chefs erhalten hatte, stand der gelbrote Karton immer noch ungeöffnet auf der Küchenbank, während ich nebenan den letzten Blogpost vor der Sommerpause schrieb und mich auf gute zwei Wochen Nichtstun, Schlafen, Lesen, Filme sehen freute. Die Pause war überfällig und nötig. Nach wenigen Tagen Ausspannen würden - wie auch sonst immer - neue Ideen wieder keimen, die kreativen Säfte zurückkehren. Doch nicht in diesem Juli. Ohne, dass ich je den Befehl dazu gegeben hätte, ging mein Körper auf Abschaltautomatik. Jeden Tag schien irgendein neues System herunterzufahren. Dinge, von denen ich gar nicht wusste, dass sie existieren, weil sie seit Kindertagen zuverlässig funktionierten. Manches schätzt man erst, nachdem es weg, aus, vorbei ist. Wie zum Beispiel mein Bauchgefühl. Es war weg. Abgeschaltet, weggelaufen, verstorben, wie sollte ich denn wissen, wo es jetzt war?! Ich wusste nur, dass plötzlich nicht mehr da war, was mich fünf Jahrz...

Die Lehre der Leere (7): Die Mitte

Das Problem sitzt immer in der Mitte. Von welcher Seite man auch kommt, man muss sich immer zum Kern vorarbeiten. Die tiefen Probleme des Lebens sind Schätzen nicht unähnlich, auch sie muss man suchen, finden, ausgraben; dummerweise geben Probleme keine Karten heraus, die dem Suchenden den Weg weisen, denn im Gegensatz zu Schätzen wollen Probleme nicht gefunden werden, sie wollen sich heimlich einnisten, unerkannt infiltrieren. Und wir Menschen machen ihnen leichtes Spiel. Wir geben den Problemen der Seele alle Deckung, die sie brauchen, wir tarnen sie so geschickt, dass niemand merkt, einschließlich uns selbst, wie wir ihnen liebevoll das Gesicht einrußen, hübsche Zweige anheften, ihnen Gruben bauen, die sie wie Schützengräben verschanzen. Ganz tief. Im Zentrum der Seele. Mitten in der Tabuzone. Da, wo Bewusstwerden verboten ist. Schließlich tanzen wir im wahren Leben immer nur an der Oberfläche. Wir lassen niemanden die Mitte sehen. Doch was ich hier in den Händen hielt, war...

Die Leere der Lehre (6): Der Dickkopf

Waren es die letzten Worte? Verharre in Sturköpfigkeit. Gib nicht auf. Oft sind es ja die die letzten Worte großer Menschen und kleiner Geister, die magisch in den grauen Zellen haften. Wie auch in der gewöhnlichen Sonntagspredigt. Man erinnert sich, wenn überhaupt, immer nur an den albernen Witz am Anfang und die allerletzte Zeile, meist " Lasset uns beten ". Oder " Wir singen jetzt Lied 259 ". Oder " Es ist nicht einfach, aber wir sollten es tun ", wie der Pastor der allerersten freien Gemeinde, in der ich je aktiv war, nicht nur ausnahmslos jede seiner dreizehn Predigten, die ich an Seite meiner knackigen frisch Angetrauten dort verfolgte, sondern auch sämtliche dreizehn Bibelstunden an den Mittwochabenden dazwischen abzuschließen pflegte. Jener Pastor war ergebener Jünger des Bob Jones, einem uns bis dahin unbekannten amerikanischen Guru, und wir waren uns nie so ganz sicher, ob nun Jesus oder Bob wichtiger für Glaube und Gemeinde war, jede...

Die Lehre der Leere (5): Der Schatz

War es Zufall oder war es Führung, dass sich die rund achtzig Seiten Papier auf Seite zehn öffneten und ich ausgerechnet dort zu lesen begann: Wage Widerspruch zu bejahen.  Wage unter Spannung zu leben. Wage die Konfrontation mit der Leere. Wage auf Granit zu beißen. Verharre in Sturköpfigkeit. Gib nicht auf.  Ich spürte es in meinem Geist. Ich spürte es in meinem Körper. Mit jenen Worten schien jemand auf die berüchtigte Fernbedienung des Films "Click" gedrückt zu haben, so fühlte es sich an. Die Zeit um mich herum schien plötzlich still zu stehen. Absolut still. In mir ging sie wohl gefühlt weiter, obwohl auch ich erstarrt, wie leblos da gesessen haben muss. Was war es nur, das mein Inneres gefrieren ließ, als wäre meine Haut mit einem Mal nicht mehr als eine ausgestopfte Hülle, ausgestopft nicht mit Watte (oder was auch immer Tierpräparatoren für ihre Kunst verwenden), sondern mit altem, kaltem, pappigem Schnee? Alter Schnee?! War der Schnee schon immer da...

Die Lehre der Leere (4): Die Katholikin

Natürlich hatte ich nicht die Geringste Ahnung, was von dem Büchlein ausgehen sollte, das ich gerade in meinen Händen hielt. Für mich war es bis jetzt nicht mehr als ein kleines, gebundenes, ziemlich blödes Layout. Nichts, was ich je freiwillig in die Hand genommen hätte. Obendrein pries es sich selbst als "Klassiker" an und ich fragte mich, warum Eigenlob eigentlich nur bei Menschen stinkt. Marketing ist doch auch nichts anderes als eine legitimierte Rechtfertigung, die eigenen Fürze als Wohlgeruch anpreisen zu dürfen. Jedenfalls hatte ich weder vom "Klassiker" Schritte auf dem Weg , dem Titel des Buches, noch der Autorin Gunnel Vallquist je etwas gehört. Ich kannte nur den Namen des Verlages. Und das war auch der einzige Grund, warum ich die Buchdeckel überhaupt öffnete. Als ich in den ersten Zeilen des Vorwortes las, dass jene Gunnel eine aufrichtige Katholikin gewesen war, hätte ich mit Nathanael augenrollend stöhnen können "was kann denn aus der kathol...

Die Lehre der Leere (3): Die Entdeckung

Diese Art "Er-sucht-und-findet-mich-Schatz" hat sowieso etwas ganz besonders Listiges und Gerissenes an sich. Einerseits wollen sie gefunden werden, andererseits tarnen sie sich besonders gut, tragen die Intelligenz der Delphine, die Tarnung der Chamäleone und die Formbarkeit der Amöben in sich und scheuen sich nicht, von allem reichlich Gebrauch zu machen. Und zuweilen nehmen sie die Form hässlicher Kaffepötte an, nur um sich dahinter verstecken zu können. Dort warten sie. Schätze, das wissen wir alle, sind sehr geduldig. Das unterscheidet sie von uns Menschen. Meiner wartete also geduldig auf der Küchenbank. Wochenlang. Rotgelb schweigend und ungeöffnet. Bis ich mir überlegte, dass ich nun mal überlegen müsste, was mit diesem komischen Karton anzustellen sei. Denn benutzen wollte ich die hässliche Tasse eh' nicht, doch einfach so wegwerfen wollte ich sie auch nicht. Immerhin war sie das Geschenk meines Chefs und damit symbolisierte sie aufrichtige Anerkennung für ...

Die Lehre der Leere (2): Die Natur der Schätze

Eine Tasse. Sollte sich mein Verdacht bestätigen, war dies in zweifacher Hinsicht kritisch. Erstens gehört weder gelb noch rot noch tassenrund zu den Empfehlungen meiner persönlichen Farb- und Formberaterin, übrigens auch nicht zu meinen Lieblingsfarben, und zweitens war ich seit fünfundzwanzig Jahren mit einer Jägerin und Sammlerin verheiratet, die keinen Handwerkermarkt, kein Töpferstudio beutelos verlassen konnte, und deswegen gehörte ich zur Spezies der wenigen Privilegierten des Globus, die mit Fug und Recht von sich behaupten konnten, sogar mehr als alle Tassen im Schrank zu haben. Doch jene Ehre war untrennbar an eine große Not gekoppelt: Platznot in allen Schränken und Vitrinen, auf sämtlichen Regalbrettern und freien Flächen, weswegen jede neue Tasse, ob groß, ob klein, ob hübsch, ob hässlich nur mit Gefühlen entgegengenommen werden konnte, die sich wortlos durch leichte Kopfschräglage, ungewöhnlich breites Grinsen, zusammengebissene Schneidezähne und aufgerissene Augen...

Die Lehre der Leere (1): Das Geschenk

"Warte! Fast hätte ich es vergessen!" Eigentlich war mein Körper ja gerade dabei, sich nach dem anstrengenden, mehrtägigen Treffen erschöpft auf den Beifahrersitz des obligatorischen Kombimodells plumpsen zu lassen, um faul und bequem von einem netten Kollegen nach Hause chauffiert zu werden, doch wie ich plumpsenderweise meinen Chef hektisch und aufgeregt über den Rasen rasen sah, direkt auf mich zu, mir erwartungsvoll in die Augen schauend, siegte der Geist ausnahmsweise über den körperlichen Fall und ich fand mich ebenso erwartungsvoll lächelnd neben dem Volvo stehend wieder. " Chefen " hielt einen Karton mit ziemlich merkwürdigem Muster in der Hand, und seine leicht ausgestreckte Hand, die sich langsam vorschob, ließ mich erahnen, dass die quietschgelb-knallrote Packung wohl als Geschenk an mich gedacht war. Freudestrahlend dankte er mir für meinen enormen und vorbildlichen Einsatz im vergangenen Jahr, und ich dankte herzlich und ehrlich zurück, denn es ...

Gebetskrücken

Mein schwedisches Gebetsbuch Wenn's dick kommt, leidet das Gebet. Soviel ist sicher. Es erfordert Disziplin, aus überquellenden Terminkalendern regelmäßige Gebete auszugraben, die mehr sind als nur Stoßgebete. Und wenn man mal kurz Zeit hätte, zum Beispiel im Bus oder Wartesaal, fehlen die betenden Worte. Man ist müde und das Hirn zu blank zum Beten. In den letzten Jahren habe ich versucht, Wege zu finden, mein Gebet trotz langer, voller Tage zu fördern. Denn ein lebendiger Kontakt zu Gott ist (über-) lebenswichtig für mich. Lobpreismusik hilft mir nicht, meist weil mir die ewig sonnigen Texte zu flach und zu ich-mir-mein-mich-bezogen sind. Sie spiegeln kaum mein Seelenleben wider. Vor Jahren entdeckte ich eine unerwartete Ressource: Das Stundengebet. Erst war ich etwas empört, dass so viele schwedische Freikirchler so bereitwillig eine "katholische" Tradition in ihr Gebetsleben einbauten. Außerdem reagiere ich seit dem Konfirmandenunterricht in der evangelischen ...

Wenn der Tod kommt

Jeder wünscht sich eine heile Welt. Der sprichwörtliche "Himmel auf Erden" wurde so oft besungen und rezitiert, dass er wie ein Kaugummi schmecken muss, das von einer ganzen Schule seriell durchgespeichelt und ausgelutscht wurde. Und dennoch nimmt man es gerne noch einmal selbst in den Mund. Unsere Himmelssehnsucht ist ein merkwürdiges Geheimnis. Ganz besonders wünschen sich Eltern eine heile Welt für ihre Kinder und erlauben ihnen deswegen kleine Freuden und Freiheiten - so schrieb die Süddeutsche gestern nach dem Attentat in Manchester. Doch wenn gerade bei diesen Freuden unsere heile Welt zerfetzt wird, kommt die Erschütterung und damit die Fragen. Fragen, auf die es keine einfache Antworten gibt. Die ohnehin nicht leichten Antworten fallen umso schwerer, wenn man sie nach der Explosion, nach dem Unfall, nach dem plötzlichen Tod finden will. Irgendetwas in uns hatte es nicht zugelassen, solche Fragen zu stellen, als noch die Sonne schien. Irgendwie waren wir nich...