Direkt zum Hauptbereich

Aprilschmerz

Gefrorener, ungrüner Frühling

Eisiger Ostwind pfeift um die Ohren. Trotz blauen Himmels will so recht keine Farbe aufkommen, sind alle Böden und Seen immer noch gefroren, der Schnee schmilzt nicht, er verdunstet nur in der trockenen Luft. Ostern 2018 erinnert an Narnia.

Der kalte Atem des "Beast from the East" hält alles in Winterstarre. Auferstehung? Davon ist nur wenig zu spüren. Trockenes Gras und kahle Bäume erinnern an wärmere Zeiten längst vergangener Tage. Eine Landschaft voller Symbole für den geistlichen Zustand unserer Zeit: Von geistlicher Erweckung ist ebenso wenig zu spüren. Eisige Winde ziehen über das Terrain und finden jede Ritze, durch die sie ins Innere dringen können. Wahrscheinlich hat Phil Zuckerman deswegen eine kahle Schneelandschaft als Coverfoto für sein Buch "Society without God" gewählt.


Der Soziologe hat massenweise Dänen und Schweden über Religion interviewt. Dazu zog der Autor extra nach Skandinavien und war die ersten Monate seines Lebens in Nordeuropa völlig verblüfft, dass diese zwei gottlosen Länder so sauber, geordnet, sicher und schön sind. Nach allgemeiner Auffassung seines Heimatlandes USA hätte in Skandinavien nämlich schon längst der anarchistische Ausnahmezustand ausgerufen werden müssen, weil nach Überzeugung vieler evangelikaler Amerikaner gottlose Menschen grundsätzlich wie Wilde übereinander herfallen müssen. Stattdessen beschreibt Zuckerman verblüfft, dass im gottlosen Skandinavien viel, viel weniger Menschen durch privaten Waffenbesitz umgebracht werden als im frommen Amerika, dass die Städte sauberer sind, dass die Gleichheit aller Menschen im skandinavischen Gesundheitssystem dem Ideal christlicher Nächstenliebe deutlich näher kommt als in seiner christlichen Heimat und vieles mehr.

Doch was ihn am meisten verdattert: Beim Thema Religion traf er nicht etwa auf mehr oder weniger überzeugte Atheisten, die sich Gott entsagt haben und dafür viele Gründe haben mögen. Bis auf wenige Ausnahmen traf er nur völlig stumme Dänen und Schweden, die extrem wenig bis überhaupt gar nichts zu Glaube oder Religion zu sagen hatten. Über Fragen wie "Wo komme ich her?", "Wo gehe ich hin?" oder "Was ist der Sinn des Lebens?" denke man nicht nach, das hörte er immer und immer wieder, und wer es dennoch tue, redet nicht darüber, weil es dazu nichts zu sagen gebe und niemand wolle darüber reden. So lautet der allgemeine Konsens.

Zuckerman gab sich aber nicht so schnell geschlagen und bohrte nach, fragte weiter nach dem Sinn des Lebens. Die allermeisten mussten sehr lange nachdenken, und dann kam etwas wie: Der Sinn des Lebens sei es wahrscheinlich, glücklich und nett zu sein, weil nach dem Tode alles verwese, und das sei auch gut so. Vielleicht gebe es ja etwas mehr zwischen Himmel und Erde, wer weiß das schon, aber es ist auch völlig egal, denn sollte es wirklich so sein, so sähe man es wohl noch früh genug.

Ein ganzes Buch über die Nichtreligiösität der Skandinavier und die Tatsache, dass sie dennoch ein glückliches Leben in hochentwickelten Gesellschaften der Welt leben. Eine interessante Dokumentation der Säkularisierung.

Natürlich, Zuckerman ist Amerikaner, er spricht weder dänisch noch schwedisch und sein Einblick ist in gewissem Maße begrenzt. Wenn man in die tieferen soziologischen Schichten eindringt, ist nicht immer alles so glücklich, wie es ihm präsentiert wurde - doch das diffuse religiöse Desinteresse der Skandinavier ist recht akkurat. Genau damit kämpfen wir seit fast 12 Jahren.

An Tagen wie heute tut es meiner Seele immer etwas mehr weh, dass das geistliche Interesse der großen skandinavischen Mehrheit so kalt und starr ist wie ein vom Grund bis zur Oberfläche durchgefrorener See. Woran mag es liegen? Hält ein Beast of the ceased die nordischen Seelen tiefgefroren? Zuckerman entwickelt eigene Theorien, muss aber zugeben, dass er es auch nicht weiß.

Und so bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als mich heute etwas schnatternd und frierend an der Auferstehung zu freuen, meinem persönlichen, allerwichtigsten Tag im Kirchenjahr. Gäbe es keine Auferstehung, dann gäbe es auch keinen Auferstandenen, und so ganz ohne Auferstandenen bräuchte ich wohl viel Hochprozentiges, um mich warm zu halten oder um irgendwann friedlich und schmerzfrei in der Eiszeit einzuschlafen.

Doch dank des Auferstandenen bleibt das Leben wach und freut sich an den Prophezeiungen.

Summer is coming. Jesus auch.


Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Gemeindegründungskurs

Übermorgen (Mittwoch) werde ich nachmittags zum zweiten Mal eine dreistündige Vorlesung zum Thema Gemeindegründung halten. Studenten aus ganz Schweden werden online zugeschaltet sein. Für mich persönlich ist dies eine wirklich große und wichtige Sache. Während der ersten Vorlesung ging es um die Theologie der Gemeindegründung. Am Mittwoch wird es um die Praxis gehen. Wir werden zu weiten Teilen über den von CA entwickelten "Missional Actions Plan" reden (MAP). CA unterstützt dieses Projekt mit einem eigens für diesen Kurs professionell produziertem Video. Euch würde ich herzlich bitten, für diesen Kurs, die Stundenten, Mittwochnachmittag und vor allem die langfristige Frucht des Kurses zu beten. Danke!

Der Lohn der Sünde

Der Lohn der Sünde ist Tod. Das steht im Römerbrief, Kapitel 6, 23. Sünde, Tod, klingt nicht angenehm. Vor allem, dass Sünde im Singular dasteht. Der Lohn jeder einzelnen Sünde, egal wie groβ oder klein, ist Tod. Nur einmal die Unwahrheit gesagt, und es ist geschehen. Perfekt gelebt, aber einmal war mir mein Job wichtiger als Gott – vorbei. Sünde ist höchstexplosiv, wenn sie in Gottes Nähe kommt. Wie Benzin, das auch keine Experimente mit Feuer verzeiht. Ein einziger Funken reicht. Wer in die Nähe Gottes kommt – und spätestens nach diesem Leben werden wir alle dort erscheinen – und nur einen einzigen, winzig kleinen Sündenfleck an sich trägt, den wird’s zerreiβen. Zu groβen Verhandlungsdiskussionen wird es gar nicht erst kommen. Einer trostlosen Zukunft sehen wir nach diesem Leben entgegen, denn wer kann schon behaupten, makellos zu sein. Von Jesus wird gesagt, dass er Gott selbst war. Es wird berichtet, Gott sei Mensch geworden. Man liest, er war makellos, ohne Sünde. Er musste nicht ...

„The Sound of Music“

Nun haben wir es also angeboten und selbst eingenommen, unser erstes Antiherbstdepressivum, in Form eines lustigen Filmnachmittages in unserer Gillestuga mit gemeinsamen Essen. Schön war’s! Und wir sahen ein höchst interessantes Werk: „The Sound of Music“, ein amerikanisches Musical als Heimatfilm aus dem Jahre 1965, das zu Beginn des Zweiten Weltkrieges in Salzburg spielt. Alle Schweden kennen es so gut, dass es hier darauf Parodien und Anspielungen in der Werbung gibt. Unser Holländer in Team sagte, in Holland wachse man mit diesem Film auf, er konnte alle Dialoge mitsprechen. Und unsere Amerikaner konnten sämtliche Lieder des Musicals auswendig mitsingen. Nur Karen und ich blamierten uns mit unserer Bildungslücke. Wir haben bis jetzt aber auch noch keinen anderen Deutschen gesprochen, der den Film je gesehen hat ( Gibt’s einen? Bitte sofort unten einen Kommentar hinterlassen!!! ) Man sagte uns, in Amerika gehe man davon aus, dass in Österreich jeder in das (englische) Lied „Edelwei...