Direkt zum Hauptbereich

Der Bolsonaro in uns


Als Notre Dame in Flammen stand, war das Entsetzen groß: Schrecken, Spenden, Sondersendungen. Politiker versprachen, das "Kulturerbe" so schnell und schön wie möglich wieder aufzubauen.

Seit der Regenwald in Flammen steht, ist das Entsetzen recht überschaubar. Es ist ja keine Kirche! Nur ein Wald, und sehr weit weg. Eine von diesen Nachrichten halt. Keine Spezialsendungen, die genauestens zu beleuchten versuchen, was die Ursache dahinter sein könnte. Keine Spendenkonten.

Dabei haben wir doch alle schon in der Schule gelernt, wie wichtig der Regenwald für die Nordhalbkugel ist - und damit für uns und unsere Kinder, unsere Enkel. Wir alle wissen auch, dass Lungen abfackeln einen frühen Tod beschert. Dennoch kriegt unser Hirn die einfache Mathematik nicht hin, um eins und eins zusammenzuzählen.

Eine abgebrannte Kathedrale ist sicher tragisch, ihre verkohlten Ruinen mögen nicht schön sein, es ist sehr schade um alle Kunstschätze, wirklich, doch die existenzielle Bedrohung, die von einem im Feuer zerstörten Gotteshaus für ganze Generationen ausgeht, ist exakt nullkommanichts.

Wenn uns Paulus obendrein erinnert, dass unser Körper ein Tempel des Heiligen Geistes ist, so sagt er, dass unser Lebenswandel mit seinen alltäglichen Entscheidungen viel, viel wichtiger ist als schmucke Gemeindehäuser. Der Heilige Geist in unseren Herzen ist wie ein Röntgenauge, er lässt und ließ uns seit Jahrtausenden weiter, tiefer, eindringlicher sehen, buchstäblich durchschauen wir die Fassaden und Inszenierungen der Welt, die uns immer gerne einen vormachen will. Der Heilige Geist durchschaut Kaiser, König, Kardinäle. Und wir, einerseits gemeines Volk, andererseits hochgeehrte, würdevolle Besitzer des Gottesgeistes, wir repräsentieren den Schöpfer, wir ehren unseren Macher, Erlöser und Erhalter. Wir tun dies vor allem mit unserem Alltag, mit der Summe aller profanen Beschlüsse und Routinen, Worte und Handlungen. Mit unserem ganzen Leben also, rund um die Uhr.

Oder eben auch nicht.

Der wahre Grund jener lebensgefährlichen Feuer Südamerikas sind vor Gier verkohlte Herzen. Agrarkonzerne wollen immer mehr Geld verdienen und fördern daher gewisse Präsidenten als ihre Marionetten. Sehr viel Geld verdienen sie mit Fleisch. Doch Fleisch braucht Futter, genau gesagt 16kg pro Kilo Steak. Um den steigenden Futterbedarf decken zu können, braucht es mehr Landflächen. Die Lunge der Welt wird brandgerodet zum Zwecke blutiger Steaks auf unseren Grills. Denn wir sind diejenigen, die es kaufen, es ist unser Geld, ja, das die Gier nährt und die Flammen lodern lässt. Es ist unsere eigene Lust nach Holzkohle und Barbecues. Die Verhältnismäßigkeit zwischen den vollen Kosten und dem Nutzen einer Grillparty kann ich nicht mehr finden.

Man kann es sich natürlich schönreden und erwidern, dass es sooo simpel ja nun auch wieder nicht sei. Man selbst kaufe schließlich nur lokalproduzierte Wurst. Richtig, nichts ist so simpel. Doch man kann sich nicht schönreden, dass die EU der zweitgrößte Fleischimporteur Brasiliens ist: 120.000 Tonnen Rindfleisch jährlich, Tendenz steigend. Das macht knapp zwei Milliarden kg Futter, um jene gen EU verschifften toten Rinder schlachtreif zu kriegen, Tendenz steigend, unn dat Zoich muss ja irgendwo wachsen. Das alles kann man sich nicht schönreden. Man kann sich höchstens Augen, Ohren und Mund zuhalten.

Wer heute noch unreduziert Fleisch- und Milchprodukte zu sich nimmt, fördert ein brachiales, extrem korruptes, globales System, mächtig und schlimm. Drückt dieser Lebensstil die Werte unseres Herrn aus? Das beste Druckmittel ist der Boykott ihrer Produkte. Jeder von uns hat neben dem Heiligen Geist auch dieses Druckmittel in der Hand. Wir sind freie Menschen, weder Mastgänse noch Zuchtvieh. Wir sind völlig frei zu wählen, was auf unseren Teller kommt und was nicht. Es braucht nicht mehr als offene Augen, offene Ohren und ein offenes Herz. Und ein Gebet: Ich glaube Herr, hilf meinem Unglauben! Und der Heilige Geist wird uns die Kraft zum Beten und Fasten geben, wie er es mit unseren Vätern und Müttern im Glauben über Jahrtausende tat.

Doch glaubt mir: Ich weiß, ich weiß sehr gut, wie schwer der Kampf zur Überwindung des inneren Bolsonaros sein kann. Gib niemals auf. Es gibt Hoffnung, irgendwann wieder frei atmen zu können.




Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Jesus Dünnbrettbohrer

Für die nächste Teilmenge derer, die weder von Jesus noch Kirche angetan sind, ist "Jesus" ein Synonym für "Weichei". Jesus, dieser außerordentlich nette Erdengast, dieses Vorbild für die Menschheit, immer taktvoll, immer artig, stets korrekt. Und natürlich erwartet er von seinen willigen Jüngern, dass auch sie jederzeit ebenso entgegenkommend, galant, höflich und sittsam sind. Jesus, ein Löwe? Wenn, dann bestenfalls ein zahnloser. Eher ein zahmer Gentleman. Jesus, ein ungefährlicher, hodenloser Kastrat, ein weißbleicher Ministrant mit der typischen Frisur mit Mittelscheitel, der nur gedämpft spricht und Konfrontation aus dem Wege geht.* Am Ende wird er vor lauter Nettigkeit und Unterwürfigkeit totgenagelt. Jesus, der sandalentragende Versager. Wer will einem solchen Jesus nachfolgen? Ich auch nicht. ____ * vgl. John Eldrege, Der ungezähmte Mann , 51.  

Urban Expressions Sweden

Urban Expressions ist ein von Stuart Murray in Großbritannien gegründetes Netzwerk von Gemeinden und Gemeindegründungen, die wie wir bei H2O neue Wege wagen wollen. Murray hat einige sehr wertvolle Bücher zum Thema Gemeindegründung verfasst. Sein Buch " Post-Christendom " las ich 2005 und hat mir extrem geholfen, all die Änderungen zu verstehen, die unseren Alltag verändern und auf die auch Gemeinden massiv beeinflussen. In den kommenden Jahrzehnten wird das erst so richtig sichtbar werden. Deshalb sind wir ganz besonders froh, dass Urban Expressions nun nach Schweden kommt. Und das Schöne ist, dass hier nichts von England nach Schweden exportiert sind, sondern dass eine Handvoll schwedischer Christen, teilweise schon betagt und weise, die große Notwendigkeit neuer Gemeinden mit Sicht für die heutige Welt sehen und aktiv wurden. Durch persönliche Kontakte mit Murray wurde zunächst sein Buch "The Naked Anabaptist" ("Der nackte Täufer") unter dem Titel ...

Sex in der Bibel

Zu viel Sex in Game of Thrones? Die Bibel macht GoT echte Konkurrenz. (Hier geht's zum Beginn der spritzigen Reihe) Impuls Nummer vier: Sexualität biblisch betrachtet Nun wäre es also an der Zeit, ans Eingemachte zu gehen. Ich möchte nochmal hervorstreichen, dass dies keine formelle Haltung einer Organisation oder Gemeinde ist, sondern meine ganz persönliche Sexualtheologie, wie sie sich im Laufe der Jahre entwickelt hat. Es ist weder offiziell noch fertig, und vor allem ist es nur der Versuch einer Zusammenfassung. Biblische Unverblümtheit vs. fromme Maskerade Gleich zu Beginn möchte ich enthüllen, dass ich zu dem Schluss kommen musste, auf welch extrem winzigen Füßen unsere evangelikale Sexualethik steht. Dabei ist es nicht so, dass sie auf einer Seite vom Pferd fiele - sie kommt erst gar nicht auf's Pferd hinauf. Sie ist weder in der Lage, die rauhe Wirklichkeit des echten Lebens noch die unerfüllbaren Sex-Maßstäbe Gottes zu beschreiben. Der Bibel hingegen gelingt...