Direkt zum Hauptbereich

Die Lehre der Leere (22): Das Auto


"Zeige mir dein Auto, und ich sage dir, wer du bist!" So sprach vor vielen Jahren ein deutscher Arbeitskollege zu mir. Er glaubte, aus der Pflege und Sauberkeit eines Wagens den Charakter und die Lebensverhältnisse des Besitzers lesen zu können. Ich ließ ihn vorsichtshalber im Glauben, ein ganz ordentlicher Kerl zu sein und zeigte ihm nie mein Auto. Sonst hätte er noch gemeint, meine Seele sei befleckt, mein Geist verstaubt, meine Familie rostig, mein Denken habe einen Sprung und mein Leben zu wenig Bodenhaftung. Vielleicht stimmt das sogar, doch ich hätte sicher seine TÜV-Plakette als "guter Deutscher" aberkannt bekommen.

Mein Auto war zwar nie mein liebstes Kind, doch immerhin war ich durchschnittsdeutsch - und damit waren mir Autos nie ganz unwichtig. (Die Liste der von mir gefahrenen Vehikel lässt klare Vorlieben erkennen.) Als bürgerlicher Durschnittsdeutscher schloss ich natürlich auch jahrzehntelange Sparverträge ab, damit man sich ein Auto leisten kann, wenn man's braucht. Dachte ich. Denn der Mensch denkt.

Doch Gott lenkt. Manchmal ruft Er Menschen aus ihrem Heimatland heraus. Auch Deutsche. Nicht selten ruft Er sie aus ihrer so vertrauten Lebensweise heraus. Stellt sie zum Beispiel an den Rand der Gesellschaft. So war es bei uns. Vom idyllischen Kuhdorf gings nicht nur in eine Großstadt mit Bussen, Booten, Straßenbahnen, sondern dort auch noch in eine Rekrutierungszentrale des IS. Auftrag Zukunft. Neudenken. Umdenken. Neu anfangen. Altes über Bord werfen. Das sollte uns mehr prägen, als uns bewusst war.

In nur wenigen Jahren wurde Nebensächliches zentral und vorher Wichtiges verblich total. Zum Beispiel Autos. Sie waren mir so was von egal geworden. Am liebsten hätte ich gar keins mehr gehabt, wollte kein Geld mehr in gefährliche Rostlauben stecken. Wie hätte wohl mein Kollege einen Charakter gedeutet, der Autos plötzlich mit Liebesentzug straft, ihnen Wärme und Nähe verweigert?!

Wie gut, dass mein Wert nicht mehr von den TÜV-Plaketten anderer abhängt, sondern der Liebe Gottes. Und DER redete plötzlich ganz unerwartete Töne.

Glaubst du wirklich, ich hätte nicht gesehen, welchen Weg ihr geht? Glaubst du wirklich, ich wüsste nicht? Ich weiß um jede Kleinigkeit! Ich kenne jedes Möbelstück, das ihr zur Hochzeit bekommen habt und Mir zuliebe aufgabt, als ihr in die Mission zogt. Glaubst du, ich sähe nicht? Ihr habt es für Mich getan.

Ach Herr, ich weiß wirklich nicht...


Ihr habt alles von Herzen gerne gemacht und euch nie beklagt. 

Deswegen schlage Ich vor, du nimmst in den folgenden Monaten wieder mehr Werkzeug in die Hand. 

Ausgerechnet zur Zeit der Leere sollte der alte Sparvertrag fällig werden, Überbleibsel eines anderen Zeitalters. Aus dem neuen Auto sollte eine neue Küche werden, ein Platz wahrer Liebe, Wärme und Nähe. Und das mit Gottes Segen. Diese Vorstellung war schön und erschreckend zugleich.


Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Gemeinde - ein Verein oder eine Firma?

Bald ist wieder GLS-Zeit in Schweden. GLS heißt Global Leadership Summit und ist nichts anderes als Willow-Creeks jährliche Leiterkonferenz. In Schweden wird GLS in den Großstädten angeboten als eine halb Live, halb aufgezeichnete Veranstaltung. Unser Partner Saron ist Treffpunkt für alle Gemeindeleiter im Göteborger Raum. Natürlich werde auch ich wieder da sein, nicht zuletzt, um andere Gemeinden zu treffen und um getroffen zu werden. Nun habe ich selbst meine Leiterausbildung in den USA absolviert und weiß, dass die Amis hier sehr viel Gutes zu sagen haben. Ich weiß auch, dass die Deutschen in Sachen Menschenführung und Leitung deutlich mehr Nachholbedarf haben als die Schweden. Und so begeistert ich von vielen Dingen auch immer noch sein mag, ein paar Fragen wollen mir nicht mehr aus dem Kopf: Muss Gemeinde wie eine Firma geführt und strukturiert werden? Muss Gemeinde wie ein Verein geführt und strukturiert werden? Und wenn die Antwort auf beide Fragen auch Nein lauten kann, wie mu...

Der Lohn der Sünde

Der Lohn der Sünde ist Tod. Das steht im Römerbrief, Kapitel 6, 23. Sünde, Tod, klingt nicht angenehm. Vor allem, dass Sünde im Singular dasteht. Der Lohn jeder einzelnen Sünde, egal wie groβ oder klein, ist Tod. Nur einmal die Unwahrheit gesagt, und es ist geschehen. Perfekt gelebt, aber einmal war mir mein Job wichtiger als Gott – vorbei. Sünde ist höchstexplosiv, wenn sie in Gottes Nähe kommt. Wie Benzin, das auch keine Experimente mit Feuer verzeiht. Ein einziger Funken reicht. Wer in die Nähe Gottes kommt – und spätestens nach diesem Leben werden wir alle dort erscheinen – und nur einen einzigen, winzig kleinen Sündenfleck an sich trägt, den wird’s zerreiβen. Zu groβen Verhandlungsdiskussionen wird es gar nicht erst kommen. Einer trostlosen Zukunft sehen wir nach diesem Leben entgegen, denn wer kann schon behaupten, makellos zu sein. Von Jesus wird gesagt, dass er Gott selbst war. Es wird berichtet, Gott sei Mensch geworden. Man liest, er war makellos, ohne Sünde. Er musste nicht ...

Wer erntet die dicksten Kartoffeln?

Wer es noch nie gesehen hat, dem sei es hiermit gezeigt: Unsere Gesellschaft setzt sich aus vielen Subkulturen zusammen. Das Bild ist ein Beispiel für Deutschland, wo sich das Sinusinstitut in seinen sogenannten "Milieustudien" auf zehn Milieus oder Kartoffeln begrenzt. Sinus macht solche soziologischen Studien in erster Linie für Firmen, die ihr Produkt möglichst punktgenau in einer passenden Zielgruppe vermarkten wollen. Es ist eine fantastische Brille, mit der man klarer sehen kann, mit wem man es eigentlich zu tun hat und wie die gewünschten Kunden so ticken. Wenn sich Pastoren, Pfarrer oder ganz normale Christen diese Brille auf die Nase setzen, sehen die meisten entweder rot oder schwarz. Einigen wird auch gerne schwindelig oder sogar so schlecht wie bei einem Horrortrip. Warum nur? Weil Sinus ebenfalls herausgefunden hat, dass Kirchen und Gemeinden, völlig egal welcher Farbe, Konfession oder Denomiation, fast ausschließlich aus einem ca. 15% großen Segment am lin...