Direkt zum Hauptbereich

Leitung verstopft?

Tja, nachdem eure Traumdeutungsfähigkeiten ganz deutlich doch eher unterentwickelt zu sein scheinen - die Anzahl der eingegangenen Deutungsversuche meines Traumes kann ich jedenfalls an den Fingern eines Ohres abzählen - wende ich mich nun wieder ernsthaften Dingen zu (obwohl, wer sagt eigentich, dass prophetische Traumdeutung nichts Seriöses ist?! Joseph oder Daniel waren da extrem seriös!*).

Wenden wir uns also stattdessen z.B. dem ebenfalls sehr ernsten und völlig unterschätzten Problem unterschiedlicher Leitungskulturen zu. Im Augustclip hatte ich ja ganz mysteriös angedeutet, dass meine Rolle als Europadirektor für den Rest des Jahres mal ganz anders aussieht. Auf die Frage "Warum?" gibt es viele Antworten.

Hier ist eine.

Uns ist selten bewusst, wie unterschiedlich Führungsstile in anderen Ländern aussehen. Man sieht's ja auch nicht von außen. Selbst, wenn man Teil einer anderen Arbeitskultur ist, geht man immer automatisch davon aus, dass alles so ähnlich sein muss, wie man es eben kennt. Ich habe Geschichten von Deutschen gehört, die in den USA gefeuert wurden, weil sie die Warnungen ihres Chefs als Komplimente und Aufforderung zum Weitermachen verstanden haben. Es gibt schöne Graphiken, die verdeutlichen, wie verschieden die Erwartungen der Kollegen an einen Chef und umgekehrt in diversen Ländern aussehen (weißer Punkt = Chef, schwarzer Punkt = Untergebener):


Ja genau, ich weiß. Recht interessant und doch etwas kompliziert. An dieser Stelle reicht der Hinweis, dass die Führungskulturen Deutschlands und Hollands, oder Schwedens, Norwegens und Finnlands alles andere als einheitlich sind. Es gibt keine "europäische" Leitungskultur. Seit 2006 habe ich als Deutscher im Team mit u.a. Schweden, Niederländern, US-Amerikanern, Spaniern, Norwegern, Briten und mehr gearbeitet, oft habe ich internationale Teams geleitet. Mein ganz persönlicher, aktueller Führungsstil schmeckt vielleicht gerade zur Hälfte schwedisch, der Rest mundet deutsch und amerikanisch mit finnischem Einschlag und leicht asiatischem Nachgeschmack im Gaumen. Internationale Teams mögen herausfordernd sein, wenn man aber gewisse Regeln beachtet, macht es nicht nur viel Spaß, sie sind irgendwann auch viel kreativer und produktiver als die homogenen Langeweiler. Zu den goldenen Regeln gehört natürlich, dass man immer besonders viel Zeit zum persönlichen Kennenlernen, gemeinsamen Spielen, Fußball gucken, Bier trinken und Vertrauensaufbau einbaut. Außerdem muss man sich immer auf eine Teampolicy zum Umgang mit Konflikten einigen, die jeder mit seinem Blut besiegeln muss.

Schwieriger wird's, wenn mehrere internationale Teams zusammenarbeiten. Dann müssen sich zwei eingespielte Systeme synchronisieren, und das klappt nie auf Anhieb, auch wenn es immer erst so aussieht. Geduld aber habt ihr nötig, denn gute Teams wissen, dass gut Ding Weile haben will, und so wird es irgendwann auch hinhauen.

Unmöglich wird's erst, wenn eingespielte internationale Teams mit nationalen, homogenen Teams zusammenarbeiten müssen, also solche, die nur ihre eigene Kultur kennen und weder in noch zwischen den Zeilen lesen können. Man sitzt auf der Leitung und verstopft sie. Das sieht dann aus wie im Film Arrival, wo Aliens verzweifelt versuchen, den Menschen etwas beizubringen. Jaja, und das geht selten ohne Tote ab (Achtung, Spoiler). Das wär' mir leider auch fast passiert. Doch ich hab's überlebt! Und möchte dringend gerne lebendig bleiben. Deshalb habe ich vor einiger Zeit beantragt, mich für begrenzte Zeit von meinen Verpflichtungen als Europadirektor, d.h. als Leiter eines internationalen Teams, das nationalen Teams unterstellt ist, befreien zu lassen.

Antrag stattgegeben. Befreit ich bin.

Jedenfalls bis Ende des Jahres.

Fortsetzung folgt.

_______________
* Ich habe eine Bekannte, eine Missionarin, die regelmäßig auf Esoterikmessen oder Plätzen schwedischer Stadtzentren in einem Zelt kostenlose, prophetische Traumdeutung anbietet. Sie hat viele Geschichten zu erzählen.

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Gemeinde - ein Verein oder eine Firma?

Bald ist wieder GLS-Zeit in Schweden. GLS heißt Global Leadership Summit und ist nichts anderes als Willow-Creeks jährliche Leiterkonferenz. In Schweden wird GLS in den Großstädten angeboten als eine halb Live, halb aufgezeichnete Veranstaltung. Unser Partner Saron ist Treffpunkt für alle Gemeindeleiter im Göteborger Raum. Natürlich werde auch ich wieder da sein, nicht zuletzt, um andere Gemeinden zu treffen und um getroffen zu werden. Nun habe ich selbst meine Leiterausbildung in den USA absolviert und weiß, dass die Amis hier sehr viel Gutes zu sagen haben. Ich weiß auch, dass die Deutschen in Sachen Menschenführung und Leitung deutlich mehr Nachholbedarf haben als die Schweden. Und so begeistert ich von vielen Dingen auch immer noch sein mag, ein paar Fragen wollen mir nicht mehr aus dem Kopf: Muss Gemeinde wie eine Firma geführt und strukturiert werden? Muss Gemeinde wie ein Verein geführt und strukturiert werden? Und wenn die Antwort auf beide Fragen auch Nein lauten kann, wie mu...

Der Lohn der Sünde

Der Lohn der Sünde ist Tod. Das steht im Römerbrief, Kapitel 6, 23. Sünde, Tod, klingt nicht angenehm. Vor allem, dass Sünde im Singular dasteht. Der Lohn jeder einzelnen Sünde, egal wie groβ oder klein, ist Tod. Nur einmal die Unwahrheit gesagt, und es ist geschehen. Perfekt gelebt, aber einmal war mir mein Job wichtiger als Gott – vorbei. Sünde ist höchstexplosiv, wenn sie in Gottes Nähe kommt. Wie Benzin, das auch keine Experimente mit Feuer verzeiht. Ein einziger Funken reicht. Wer in die Nähe Gottes kommt – und spätestens nach diesem Leben werden wir alle dort erscheinen – und nur einen einzigen, winzig kleinen Sündenfleck an sich trägt, den wird’s zerreiβen. Zu groβen Verhandlungsdiskussionen wird es gar nicht erst kommen. Einer trostlosen Zukunft sehen wir nach diesem Leben entgegen, denn wer kann schon behaupten, makellos zu sein. Von Jesus wird gesagt, dass er Gott selbst war. Es wird berichtet, Gott sei Mensch geworden. Man liest, er war makellos, ohne Sünde. Er musste nicht ...

Jesus Dünnbrettbohrer

Für die nächste Teilmenge derer, die weder von Jesus noch Kirche angetan sind, ist "Jesus" ein Synonym für "Weichei". Jesus, dieser außerordentlich nette Erdengast, dieses Vorbild für die Menschheit, immer taktvoll, immer artig, stets korrekt. Und natürlich erwartet er von seinen willigen Jüngern, dass auch sie jederzeit ebenso entgegenkommend, galant, höflich und sittsam sind. Jesus, ein Löwe? Wenn, dann bestenfalls ein zahnloser. Eher ein zahmer Gentleman. Jesus, ein ungefährlicher, hodenloser Kastrat, ein weißbleicher Ministrant mit der typischen Frisur mit Mittelscheitel, der nur gedämpft spricht und Konfrontation aus dem Wege geht.* Am Ende wird er vor lauter Nettigkeit und Unterwürfigkeit totgenagelt. Jesus, der sandalentragende Versager. Wer will einem solchen Jesus nachfolgen? Ich auch nicht. ____ * vgl. John Eldrege, Der ungezähmte Mann , 51.