Direkt zum Hauptbereich

Theologie für jeden Tag


Unter "Alltagstheologie" versteht man offenbar vor allem den Alltag der Theologen wie Pfarrer oder Pastoren. Nur selten wird eine Autopanne, die entlaufene Katze, Entzündung, Büroformulare oder eine WM mit "Theologie" in Verbindung gebracht. Genau hier liegt ein Problem. Theologie ist weltfremd geworden.

Vergangenen Sonntag machten wir ein Experiment. In Gruppen aufgeteilt, sollte jede H2O-Gruppe ein jeweils gerade aktuelles Alltagsereignis oder Problem identifizieren. Hatte man sich auf eine Sache geeinigt, ging es daran, den eigentlichen Kern der Sache zu finden: Wo liegt die Wurzel des Übels oder des Ereignis?

War das gefunden, stellte sich die Frage, ob es in der Schrift (d.h. Bibel) vielleicht irgendwo das gleiche Problem oder ähnliche Vorkommnisse gibt. Welche? Wo finden sie sich? Gibt es vielleicht andere Texte, Psalmen oder Geschichten, die einem passenderweise in den Sinn kommen? Welche?

Danach ging es darum herauszufinden, ob in der Kirchengeschichte oder der Gemeinde jemals eine ähnliche Sache vorgekommen ist. Wie ist man damit umgegangen? War der Umgang gut oder schlecht und warum? Gibt es Traditionen, Gebete oder Liturgien, die hilfreich sein könnten und wenn ja, welche?

Ist alles dies gesammelt und notiert worden, nimmt man sich Zeit fürs Gebet. Man bittet um Wegweisung, die Kraft des Geistes und hört darauf, was Gott zu sagen hat.

Als nächstes geht's darum, praktische und durchführbare Schritte zu finden. Wie würde es realistischerweise aussehen, wenn wir all das Gesammelte auf unsere konkrete Lage beziehen? Was wäre eine durchführbarer erster Schritt?

Abschließend sollte derjenige, der den Fall aufgebracht hat, persönlich zusammenfassen, ob und was diese Diskussion ihm oder ihr persönlich gebracht hat, und man betet für dieses Menschen. Fertig.

Und wie lief das Experiment?

Naja, ging so. Es ist allen extrem schwer gefallen, wirkliche Alltagsbereiche zu finden, über die man reden könnte. Ich nehme das als ein Zeichen dafür, wie weltfremd selbst unsere Treffen sind: Man ist es absolut nicht gewohnt, das wahre Leben zu besprechen. Wird man dazu aufgefordert, ist man überfordert.

Zweitens war ein Trend zu sehen, vom Problem direkt und ohne Umwege zu Lösungsvorschlägen zu springen. Unsere Hirne scheinen so verdrahtet zu sein, dass eine theologische Reflektion total ausgeklammert und übersprungen wird. Hier liegt der Hase im Pfeffer. Denn Jesusnachfolge ohne ständige biblische Reflektion ist keine Nachfolge, sondern nur fromme Tünche. Da helfen auch keine prächtigen Prediger am Sonntag, und mögen ihre Kanzelbotschaften auch noch so hinreißend sein.

Meine Lehre ist, dass wir solche Reflektionszirkel regelmäßig in unsere Gemeinden einbauen müssen. Eigentlich wöchentlich. Denn erstens müssen wir lernen, das Problem selber biblisch zu erarbeiten und die Theologie nicht dem Pastor allein überlassen, zweitens geht das nur in der Gruppe und schlecht alleine (solange man es nicht gewohnt ist, theologisch zu denken) und drittens will der postmoderne Mensch nicht bepredigt werden, sondern von selbst drauf kommen, was jetzt richtig ist.

In der Tat, die Zeiten ändern sich...

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Ich liebe den Herrn

Ich liebe meinen Herrn. Ich liebe ihn wirklich. Er hat mein Leben auf eine Weise geführt und gestaltet, wie ich es zu Beginn meiner Reise mit ihm nicht zu träumen gewagt hätte. Deshalb stört es mich dieses Jahr auch mehr als sonst, wenn " Joy to the world, the Lord has come " aus allen Kaufhauslautsprechern tönt. Wenn er vermarktet wird und Kassen klingeln lassen soll. Wenn das Unbegreifliche der Menschwerdung vor den Konsumkarren gespannt wird. Vielleicht will deshalb dieses Jahr auch keine typische Weihnachtsstimmung in mir aufkommen. Weil mir so viel an Weihnachten verdreht vorkommt in einer Welt, die Jesus aggressiv verleugnet außer zur Weihnachtszeit, wo er gut genug ist zur Steigerung des Umsatzes. Und nur dazu. Gefühlsduselige Weihnacht zum Doping des Kunden. Wir Christen sind nicht völlig unschuldig daran. Wir haben die Gefühlsduslei erfunden, wenn auch aus gutem Grund. Doch vieles haben wir unnötig verduselt. Zum Beispiel durch unser romantisches Krippenbild. Ein B...

Urban Expressions Sweden

Urban Expressions ist ein von Stuart Murray in Großbritannien gegründetes Netzwerk von Gemeinden und Gemeindegründungen, die wie wir bei H2O neue Wege wagen wollen. Murray hat einige sehr wertvolle Bücher zum Thema Gemeindegründung verfasst. Sein Buch " Post-Christendom " las ich 2005 und hat mir extrem geholfen, all die Änderungen zu verstehen, die unseren Alltag verändern und auf die auch Gemeinden massiv beeinflussen. In den kommenden Jahrzehnten wird das erst so richtig sichtbar werden. Deshalb sind wir ganz besonders froh, dass Urban Expressions nun nach Schweden kommt. Und das Schöne ist, dass hier nichts von England nach Schweden exportiert sind, sondern dass eine Handvoll schwedischer Christen, teilweise schon betagt und weise, die große Notwendigkeit neuer Gemeinden mit Sicht für die heutige Welt sehen und aktiv wurden. Durch persönliche Kontakte mit Murray wurde zunächst sein Buch "The Naked Anabaptist" ("Der nackte Täufer") unter dem Titel ...

Jesus Dünnbrettbohrer

Für die nächste Teilmenge derer, die weder von Jesus noch Kirche angetan sind, ist "Jesus" ein Synonym für "Weichei". Jesus, dieser außerordentlich nette Erdengast, dieses Vorbild für die Menschheit, immer taktvoll, immer artig, stets korrekt. Und natürlich erwartet er von seinen willigen Jüngern, dass auch sie jederzeit ebenso entgegenkommend, galant, höflich und sittsam sind. Jesus, ein Löwe? Wenn, dann bestenfalls ein zahnloser. Eher ein zahmer Gentleman. Jesus, ein ungefährlicher, hodenloser Kastrat, ein weißbleicher Ministrant mit der typischen Frisur mit Mittelscheitel, der nur gedämpft spricht und Konfrontation aus dem Wege geht.* Am Ende wird er vor lauter Nettigkeit und Unterwürfigkeit totgenagelt. Jesus, der sandalentragende Versager. Wer will einem solchen Jesus nachfolgen? Ich auch nicht. ____ * vgl. John Eldrege, Der ungezähmte Mann , 51.