Direkt zum Hauptbereich

Es taut! Oder: Ich glaub, ich krieg 'n Föhn!

Es taut in Göteborg. Nein, nicht wettermäßig, das ist eher frostig. Schon Mitte Oktober stapfen Hund und ich jeden Morgen durch den Reif; die Temperaturen üben jetzt schon Bungeejumps in die Kälteschlucht und stürzen sich bis auf -4°C (ca. 25°F). Aber das Beziehungseis, welches es den Menschen so schwer macht, sich einander zu nähern, dieses hartnäckige Eis zeigt seit dem vergangenen Sommer kleine, aber wachsende Schmelzwasserrinnsale.

Noch nie sind wir so oft hintereinander gefragt worden, ob man sich nicht mal wieder treffen sollte. Noch nie bin ich so oft in die Wohnungen anderer Menschen hineingekommen. Noch nie haben wir so oft Gäste bei uns zu Hause gehabt, wie in den vergangenen Wochen. Noch nie haben wir so viele Treffen mit Freunden in Pubs oder unserem H2O-Center gehabt. Dabei ist es besonders schön zu sehen, dass langsam Vertrauen gefasst wird. Das zeigt sich nämlich immer daran, wenn nicht nur Smalltalk geführt wird. Besonders dann, wenn man nicht nur einmalig, sondern wiederholt auf tiefe Themen zu sprechen kommt. Und ganz besonders dann, wenn die Gesprächspartner versichern, dass man bisher doch immer von der totalen Unmöglichkeit überzeugt war, mit Christen irgendeine sinnvolle Unterhaltung führen zu können; doch nun, siehe da, fühle man sich durchaus wohl dabei. Obendrein habe ich noch nie so viel Einblick in die Welt der Einwanderer aus anderen Kontinenten bekommen. Auch hier ergeben sich ständig neue Kontakte, Möglichkeiten und Herausforderungen. Mit einem meiner Freunde habe ich mich zu einem Alphakurs angemeldet. Einem anderen kann ich ein wenig vor seiner Abschiebung beistehen in der Hoffnung, ihm ein gutes Zeugnis sein zu können, was er in seinem Heimatland in ständiger, guter Erinnerung behält. Und letzte Woche bekam ich von der Stadt Göteborg einen neuen Freund vermittelt, dem ich beim Einleben, Freunde finden und mit der Sprache helfen soll.

Und soll ich Euch was sagen? Jedes Mal, wenn ihr betet, dann ist das wie ein Föhn, den man aufs Beziehungseis richtet. Es beginnt zu tauen. Lasst mich doch mal 'n Föhn kriegen!

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Ich liebe den Herrn

Ich liebe meinen Herrn. Ich liebe ihn wirklich. Er hat mein Leben auf eine Weise geführt und gestaltet, wie ich es zu Beginn meiner Reise mit ihm nicht zu träumen gewagt hätte. Deshalb stört es mich dieses Jahr auch mehr als sonst, wenn " Joy to the world, the Lord has come " aus allen Kaufhauslautsprechern tönt. Wenn er vermarktet wird und Kassen klingeln lassen soll. Wenn das Unbegreifliche der Menschwerdung vor den Konsumkarren gespannt wird. Vielleicht will deshalb dieses Jahr auch keine typische Weihnachtsstimmung in mir aufkommen. Weil mir so viel an Weihnachten verdreht vorkommt in einer Welt, die Jesus aggressiv verleugnet außer zur Weihnachtszeit, wo er gut genug ist zur Steigerung des Umsatzes. Und nur dazu. Gefühlsduselige Weihnacht zum Doping des Kunden. Wir Christen sind nicht völlig unschuldig daran. Wir haben die Gefühlsduslei erfunden, wenn auch aus gutem Grund. Doch vieles haben wir unnötig verduselt. Zum Beispiel durch unser romantisches Krippenbild. Ein B...

Jesus Dünnbrettbohrer

Für die nächste Teilmenge derer, die weder von Jesus noch Kirche angetan sind, ist "Jesus" ein Synonym für "Weichei". Jesus, dieser außerordentlich nette Erdengast, dieses Vorbild für die Menschheit, immer taktvoll, immer artig, stets korrekt. Und natürlich erwartet er von seinen willigen Jüngern, dass auch sie jederzeit ebenso entgegenkommend, galant, höflich und sittsam sind. Jesus, ein Löwe? Wenn, dann bestenfalls ein zahnloser. Eher ein zahmer Gentleman. Jesus, ein ungefährlicher, hodenloser Kastrat, ein weißbleicher Ministrant mit der typischen Frisur mit Mittelscheitel, der nur gedämpft spricht und Konfrontation aus dem Wege geht.* Am Ende wird er vor lauter Nettigkeit und Unterwürfigkeit totgenagelt. Jesus, der sandalentragende Versager. Wer will einem solchen Jesus nachfolgen? Ich auch nicht. ____ * vgl. John Eldrege, Der ungezähmte Mann , 51.  

Missional kontra attraktional?

"Kannst Du mir noch die Adresse schicken, wohin ich morgen kommen soll?" schrieb ich diese Woche dem neuen Studenten. Zu Beginn jedes Semesters muss ich alle meine 12 Studenten in ihren Praktikumsgemeinden besuchen und ihren Mentor treffen. Per Sms kam folgende Antwort: "Weiß nicht genau. Hausnummer 1, glaub ich. Park einfach neben der Kirche." Es ist nicht immer leicht, all die Gemeinden zu finden, manche haben noch nicht mal eigene Lokale. Meine Abenteuerlust gab sich aber zufrieden und ich begab mich auf eine Tagestour, um mehrere Studenten samt ihren Mentoren im Göteborger Umland zu besuchen. Als nach vielen Kilometern und Gesprächen vor mir die Stadt auftauchte, in der ich Hausnummer 1 suchen sollte, bot sich mir folgendes Bild: Dieser Parkplatz sollte ganz ohne GPS zu finden sein, dachte ich bei mir und war zugegebendermaßen etwas überrascht. In Kirchen dieser Größe verkehre ich eher selten. Ein glücklicher Student und ein ebenso glückicher Mentor hieße...